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Beitfchrift für Siteraturgefchichte herausgegeben von Zen uN Banner weiter Band

Jahrgang 1895

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Smmer höher muß ich fteigen, Immer weiter muß ich jchaun.

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C. C. Budner Derlag Rudolf Kod) 1895

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inhalt.

Literaturkunde und Literaturgefchichte in der Schule. Bon Auguſt Brummer in Münden . LEBE al ir allen 1e Das Drama der Jeſuiten. Eine theatergefchichtlihe Skizze. Bon Paul Bahlmann in Münfter ER Ariſtoteles und Shakeſpeare in Leſſings Hambuͤrgiſcher Dramaturgie. Bon Georg Witkowski im Leipzig . . Wilhelm Meifters Lehrjahre und der Kampf gegen den Dilettantismus. Von Richard Meyer in Berlin Wilhelmine Andreä. Von Wilhelm Lang in Stutigart

Das Volkslied von den zwei Geſpielen. Von Adolf Saunen in e Fauft in Erfurt. Bon Siegfried Szamatölsfi . ; Beilage: Hogels Erzählung Der junge en Bon Mar Rubenfohn in Berlin. 1. Afterie. Liebes- und Dichterleben in Görlik . Beilage: Afterie-Lieder . GERT Eee Soerhes erſte Walpurgisnacht und ihre Baralipomena. Eine methodo⸗ logiſche Unterſuchung. Bon Veit Valentin in Frankfurt a. M.. Schwäbiſches. Mitgeteilt von Erich in Berlin. 1. Schubart . A 2. Franzisfa von Hohenheim 3. Schiller —— 4. Uhlaıd . . 3A ife Ein gejchriebenes Liederbuch des ſechzehnten Jahrhunderts. Von Paul Stötzner in Zwidau . . Zwei Briefe Johann Arnold Eherts. Zum 19. März 1895. Mitgeteilt von Bernhard Seuffert in Graz da Ueber den Göttingiſchen Muſenalmanach für das dahr 1803. Von Reinhold Steig in Berlin RE NE Zu Goethes Pöwenftuhl. Bon Dtto Harnad in Rom Ernſt Ludwig Groſſe. Bon C. A. H. Burkhardt in Weimar . Anhang: Selbftbiographie Grofies . . Nachträge dazu. Mitgeteilt von Alfred Kofenbaum in Prag Bibliographiſch-kritiſ ſche Studien über Johann Chriſtian Günther. Bon Arthur Kopp in Berlin. 3. Einige Strophen Günthers . h Anhang: Eine RR und ein n ibm untergefihebenes edit u...

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IV Suhalt.

Das Aufkommen des englifchen Gefchmades in Wien und Ayrenhoffs

Trauerfpiel Rleopaıs und Antonius. Von Emil Horner in Wien 596, 7

Schubart und Gleim. Bon Carl Schüddefopf in Roßla a. 9. Briefe von Joh. Heime. Jung-Stilling an Sophie v. Ya Node. Mit- geteilt von Robert One cap in Düffeldorf Studien zu Goethes Elpenor.. Bon Rudolf Schlößer in Jena Goethes Gedicht „Das Tagebuch. Bon Johannes Niejahr in Halle a. ©. Johann Leonhard Schvag und Jean Paul. Kleine Beiträge zur Geſchichte des deutſchen Buchhandels und zur Chavakteriftif Fean Pauls. Mitgeteilt von Auguſt Sauer ee Neue Beiträge zur Literaturgeſchichte der Fauſtfabel. Mitgeteilt von Ludwig Fräntel in München ee Eee 1. Aeltere Sagenparallelen. 2, Fauft bei Jacob Weder. 3. Fauft-Geichichten bei (Bütner-) Steinhart. . Weintraubenzauber und ls bei Simon Majolus. 5. Allerlei Fauftifhes bei J. Chr. Frommann. 6. Kauft bei Bernhard Waldſchmidt. 7. Doktor Fauft bei einem Nahahmer Abrahams a Sancta Clara. Bürger und Walther von der Bogelweide. Bon Ernſt Elfter in Leipzig. Schubartiana. Mitgeteilt von Adolf Wohlwill in Hamburg I. Chr. F. D. Schubart und Markgraf Karl Friedrich von Baden. 11. Briefe Schubarts an Pfarrer Weyffer in Thamm (umweit des Hohenaspergs.) Zu „Aeris und Dora” von Goethe. Bon Daniel Jacoby in Berlin I. Die Schlußverfe. 11. Zur Entftehung des Gedichts. Die ſchöne Mailänderin in Goethes Gedichten. Schäfers Klagelied von Goethe. Bon Reinhold Steig

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Mliscellen, Zu Goethes Geſpräch über Deutfche Literatur von Richard M. Meyer Davefon und Leifing. Von Erid Schmidt en RER Die erfte Nathanaufführung. Bon Erid Schmidt . . . . Die fünf Goethe Briefe an Salzmann aus der Straßburger zeit Von Adolf Metz in Hambınz . y ed : Zu Goués „Mafuren“ Bon Rudolf Schlößer Goethe ein großer Nehmer. Bon a Dünter in Köln. Zu Heinvich von Kleifts Briefen. Von Berthold Schulze in Charlottenburg Zacharias Werner als Erzieher. Von Felix Poppenberg in Berlin Die Quelle von Rückerts „Chidher“. Von Leonhard Neubaur in Elbing Aus a Nachleben des Peter Squenz und des Fauſtſpiels. Yon Alerander Weilen in Wien N Seffingiana, Bon d. v. Heinemann in Wolfenbüttel I. Zu einge Berufung nah Wolfenbüttel. II. Ueber Leſſings verfchiedene Wohnungen in Wolfenbüttel. J. 8. Lavater über F. M. PS Mitgeteilt von Heinrich Funk in Gernsbad ; 2 Er 2 RE HI

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Authentifche Keniendentungen. Mitgeteiltvon Albert Leitzmann in Weimar 637,679

Aus dem Briefwechfel Wilheln von Humboldts (1808/9). en von Theodor Diftel in Dresden . . . 640

Motivwanderung und -Wandelung. Bon Mar Rubenſohn

Erläuterung. (Zu Euphorion 1, 346 f.) Von Woldemar Zraiherri von Biedermann in Dresden

Recenſtonen und Referate.

Alt, Vom charakteriſtiſch Schönen (Hugo Spitzer in Graz). .

Brentano, Das Schlechte als nor Darfelung (Emil Arleth in Prag) .

Neue Sagenfonmtungen (Adolf Hauffen) .

. Rıoop, Sagen und Erzählungen aus der Provinz. Bofen.

> Haufer, Sagen aus dem Paznaun umd deffen Nahbarfchaft. 3 Reiche der ſächſiſchen Schweiz. 4. A. R. (Freifrau A. von Reichlin-Meldegg), Regens— burger Volksſagen für Jung und Alt erzählt. Alte und neue m. (Auguft Sauer). . 1. Hettner, Literaturgeſchichte des achtzehnten Sahıhunderts. Dritter Teil. Bierte Auflage. . Wadernagel-Martin, Gefhichte der deutfchen Literatur. Zweite Auflage. . Roh, Gefhichte der deutſchen Literatur. Wychgram, Hilfsbuch für den Unterricht in der deutfchen Literaturgefhichte. Zweite Auflage. . Hüppes Frauzem, Gefhichte der deutſchen Nationales literatur. Vierte Auflage. 6. Yemmermader, Kurzes Repetitorium der deutſchen Literatur: geichichte. Lrauſe, Gottichen und Flottwell (Richard Rofenbaum in Berlin) Jenny von der Dften, Luiſe PR Herzogin von Sachfen-Gotha (Rudolf Schlößer) . ee kamen 351322, Forfter, Ausgewählte Eleine Schriften. Herausgegeben von A. Leitzmann (Eugen Guglia in Wien) . : Fürſt, Auguft Gottlieb Meißner (Karl M züller⸗ Fraureuth in Drosten) Schultheiß, Friedrih Ludwig Jahı. . H Bieſe, Die Philoſophie des Metaphorifchen (Hugo Spitzer) Haustath, Martin Luthers Romfahrt (Georg Ellinger in Berlin) . Tſchackert, Ungedruckte Briefe zur a a (Georg Loefche in Wien) . Schriften zum Hans Sads- Jubiläum SE Hans Sacs- Forſchungen (Karl Drefcher in Münfter i. W.) . id. Schwartz, Ejther i im deutichen und lateinischen Drama des Neformationg- zeitalters (Alexander von Weilen) . . e Elodeſſer, Die ältefte dentiche Neberfetsung Motisveicher Luſtſpiele (Rudolf Fürft in Prag). . ; Müller ©. A., Urkundliche Forf ſchungen zu Goethes Seſenheimer Idylle und Friederifeng Jugendgeſchichte (Adolf Met) f Geiger, Karoline von Günderode und ihre Freunde (Reinhold Steig) .

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VI Inhalt.

Litzmann, Das deutſche Drama in den literariſchen ——— der (Ferdinand Heitmüller in Weimar)

Köhler, über Märchen und Voltslieder (Adolf Hauffen) .

Hauffen, Die Deutſche Sprachinſel Gottichee ( J. W. Nagl in Wien) .

Wolkan, —* der deutſchen Literatur in Böhmen bis zum Aus— gange des XVI. Jahrhunderts (Rudolf Fürſt)

Flohr, Geſchichte des Knittelverſes vom 17. Jahrhundert bis zur Jugend Goethes (Ferdinand Eichler in Graz) .

Petri, Mritifche Beiträge zur Geſchichte Der Dichterſprache glopſtocks (Chriſtoph Würfl in Linz)

Herders Werke. Erſter Teil. 2. Abteilung. Stimme der Völker. Heraus- gegeben von Heinrich Meyer (Ernft Naumann in Berlin) . 5

Peigmann A., Tagebuch Wilhelm von Humboldts von feiner Reife nad) Rorbeutfchland im Sahre 1796 (Rudolf Haym in Halle) . 2

Müller J., Jean Rn und feine Bedeutung für die Gegenwart Arleth)

Schulte vom Brühl,? Otto Müller Jakob Barchtotd in Sir)

Flathe Th., Deutſche Reden (Eugen Guglia)

Borinsfi, Deutfche Poetit (Nihard M. Meyer) . .

Brugier, Geſchichte der deutſchen Nationalliteratun Karl Fey i in Halle a. &)

Seltene Drude in Nachbildungen I. (Edward in Marburg i. 9.) Bibliothek Deutſcher al aus Böhmen T. Lambel in Prag)

9).

Loeſche, Ihann Matheſius Johann Loſerth in Sra3) . ;

Friedrih Creuzer und Karoline von Günderode (Reinhold Steig).

Meißner, Der Einfluß deutſchen Geiſtes auf die franzöſiſche Literatur des 19. Jahrhunderts (Arthur Eloeſſer in Berlin)

Stern, Studien zur Literatur der Gegenwart (Anton E. Schönbach in Graz). Ber

Plechanow, N. G. Tſcherniſchewsky Eugen Gualia)

Bericht über neuere literarhiftorifche Arbeiten in polnischer Pas Wiel Barewicz in Drohobycz. 1. Sellenta, Das alfgemein- menschliche Focal in der aleich- zeitigen Poeſi ſie. 2. Spaſowicz, Schiller und Goethe im denkwürdigen Jahrzehnt ihrer Freundſchaft. 3. Zathey, Einige Bemerkungen über Goethes Leben. Bericht über die während des Jahres 1894 in Amerika veröffentlichten Aufſätze über deutiche Literatur (Mar Poll in Cambridge, Maff.)

Bibliographie. (Unter Mitarbeit von Hugo Blümner in Zürich, Huge Handwerd in Frankfurt a. M., Arthur Kopp in Berlin, E. 5. Koßmann im Haag, Albert Leitzmann in Weimar, Nichard M. Meyer und Richard Rofenbaum in Berlin zufannnengejtellt von Auguſt Sauer.)

Jiiſchiſfee er 3 T ee 2.7 Bücher... rt et 666

Darin kurz befpochen Weddigen, Gefchichte der Einwirkungen der deutſchen Literatur auf die Yiteraturen der übrigen europäiſchen Kulturvölker der TAN Chevalier, Zur Poetif der Ballade III. SERIE

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Inhalt.

Grethlein, Allgemeiner deuticher Theaterfatalog . Batfa], Aus der Muſik- und Theaterwelt . . Firdojis Königsbud (Schachname) überjetst von Zriedrih Rüdert. Lange, Franz Grillparzer . . ! Franzos, Die Geſchichte des Erſtlingswerks Schert, Il uſtrierte Geſchichte der Weltliteratur Könnecke, Bilderatlas zur Geſchichte der Nationalliteratur . . Broul, A handy bibliographical guide to the u of the German language and literature : Frenzel, Ueber Gelleris religiöſes Wirken Trura, Marie Edle v. Pezeln . Möllendorf, Die Weltliteratur Wukadinovié, Prior in Deutſchland TEN RT AR Maack, Ueber Popes Einfluß auf die Idylle und das Lehrgedicht ın Deutfchland ; U DIET EN Jädicke, Bismard und das deutſche Vaterland im zeitgenöſſiſchen Lied. Kern, Kleine Schriften. Erfter Band u Lyon, Bismards Neden und Briefe (Hugo Blünner) Sriiebad, Katalog der Bücher eines deutjchen Bibliophilen Wittig, Urkunden und Belege zur Günther- Da Jonas, Schillers Briefe. Fünfter Band Klee, Zu Ludwig Tiecks germaniſtiſchen Studien 3. Bibliographie der im Jahre 1893 in den Niederlanden er⸗ ſchienenen Arbeiten auf dem Gebiete der modernen Literatur— geihichte (E. F. Koßmann)

. . . Ba 1 rarer Nachträge und een 66 Regiſter. Von Richard Batka in Prag

Dazu ein Ergänzungsheft:

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Mitteilungen aus der Literatur des 19. Jahrhunderts

und ihrer Geſchichte.

Snhalt:

Charles Wolfe. Bon Jakob Schipper in Wien NT ERS A SR Erin: Ueber Kleiſts „‚Käthehen von ee Bon Spiridion Wukadinovié in Graz Ä

Clemens Brentanos zu Beethoven. Von Alfred Chriſtlieb Kaliſcher in Berlin . N Re Beilage: Ueber Clemens Brentanos Beiträge zu Carl

Bernards Dramaturgifhem Beobachter (An Reinhold Steig

in Berlim). Bon Auguſt Sauer . ne

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VIII Inhalt.

Zu Theodor Körners Leben und Dichten. Bon Reinhold Steig . 1. Tod und Schwertlied. 2. Theodor Körner und die Liedertafel in Berlin. 3. Das Sonett an Henriette Hendel-Schütz. Grabbes und Grillparzers „Hannibal“. Bon Anton Reichl in Brür. Studien zu Eduard Mörifes Gedichten. Bon Rudolf Krauß in Stuttgart. 1. Zeit der Entftehung. 2. Art der Entftehung. 3. Verfchiedene Faffııngen. 4. Idylle vom Bodenjee. Beilage: Ein umgedrudtes Jugendgedicht Mörifes Unbekanntes und Ungedrudtes von raten Freiligrath. Auen von Wilhelm Buchner in Eifenad) ; Der Apothefer von Chamouny oder der lleine NRomanzerd von "Gottfried Keller: In älterer Faſſung mitgeteilt von Jakob Baechtold in Bi Tee lt ee Se Miscellen. Friedrich Aſt an Creuzer. . El Ein Sprachdenkmal aus den vefteiiungehriegen. Mitgeeilt von Emil Fromm in Machen . ———

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Literaturkunde und Fiteratur- geſchichte in Der Schule. Bon Auguſt Brunner in München.

Die Zeitjchrift Euphorion iſt der Forſchung gewidmet, die ihren Zweck in fich jelbit hat und deshalb ohne Rückſicht auf die Schule ihre Ziele verfolgt. Wenn gleichtwohl der Herr Heraus- geber wünſchte, ein Schulmann möge das Verhältnis dev Literatur- gefchichte zur Schule bejprechen, jo mag ihn dasjelbe Intereſſe geleitet haben, das Kliniker bejtimmt, Erkundigungen darüber ein- zuziehen, wie jich die Ergebniffe der Elinifchen Forſchung vom praftifchen Arzt veriverten lafjen. Denn mit dieſem Bergleich wird ſich das Verhältnis der Hochjchulen zu den Peitteljchulen, der Vertreter der reinen Wifjenjchaft zu den praftifchen Schul- männern bezeichnen lafjen. Nicht als ob dieje Begriffe jich aus- jchlöffen. Denn zu allen Zeiten hat es Schulmänner gegeben, die in einzelnen Stunden ihres Arbeitstages als ebenbürtige Gehilfen den Männern an die Seite traten, die das Gold der Wiljenschaft aus dem tiefen Schachte graben. Ihre Zahl würde noch weit größer fein, wenn ihre Studien wie die der Umiverfitätslehrer nur einem Fache zugeivendet wären, wenn fie alfo nicht auf mehreren Gebieten den Fortjchritten der Forſchung zu folgen hätten, und der größte Teil ihrer Kraft nicht durch vieljtiimdigen Unterricht und die drückende Storrefturlajt jo in Anjpruch genommen würde, daß nur wenigen Nüjtigfeit und Zeit dazu bleibt, an der Löſung wiljen- Ichaftlicher Fragen ſich in bedeutenderem Maße zu beteiligen. Deshalb wird es im allgemeinen dabei fein Bewenden haben, daß der Schulmann die wiljenschaftlichen Forſchungen mit Eifer ver folgt und fie jorgfältig darauf prüft, inwieweit fie jeinem Be

Euphorion II. 1

2 A, Brunner, Literaturkunde und Literaturgefchichte in der Schule.

dürfnis entjprechen. Thäte er es nicht, jo würde er zu jenem Brotgelehrten herabjinten, den Schiller in jeiner Antrittsrede brandmartt, To wide das Lehramt an Mittelfchulen dem Banaujen- tum verfallen, ein Unglück, das ebenjo groß wäre, als wenn die Quellen der Wiffenfchaft verfiegten; denn die Blüte der Nation würde des Segens der fortjchreitenden Bildung unteilhaftig, und der Lehrer wirde unfähig, jeines Amtes mit Begeijterung und Arbeitsfreude zu walten, da ein geijtiger Stoffwechjel ebenjo die Bedingung des geiftigen Lebens ift, wie vom förperlichen Stoff- wechjel das animalijche Leben abhängt.

Wenn die Literaturgejchichte auf genauer Kenntnis der einzelnen Literaturwerke beruhen muß, jo fann fie im eigentlichen Sinne des Wortes nicht Gegenjtand des Jugendunterrichtes fein; denn genaue Kenntnis der einzelnen Literaturiwerfe kann beim Sugendunterricht nicht vorausgejegt werden. Das Hauptgejchäft der Schule bejteht vielmehr darin, den Schüler mit der Literatur jelbjt vertraut zu machen. Iſt freilich einmal eine Kenntnis der wichtigjten Literaturiverke, eine Yiteraturfunde, gewonnen, dann füllt dem Lehrer die weitere Aufgabe zu, die Literaturwerfe, die der Schüler kennen gelernt, zu einander ſowie zu den Seitverhält- niffen und den Yebensumftänden der Dichter in Beziehung zu jegen und zu erläutern, wie die jpäteren Yiteraturerzeugniffe von den gleichzeitigen und früheren bedingt find. Das jo nicht ohne Hilfe der allgemeinen Kulturgejchichte gewonnene Syſtem kann aber wegen jeiner Liückenhaftigfeit auch nur im wneigentlichen Sinne Yiteraturgefchichte heißen, und deshalb wählt die bayerische Schul- ordnung mit gutem Bedacht den freilich etwas umjtändlichen Ausdruck: Hiſtoriſcher Weberbliet der deutjchen Literatur.

Zunächſt jei es gejtattet, dasjenige Unterrichtsfach näher zu betrachten, das wir oben als Literaturfunde bezeichnet haben.

Für die Stellung, welche früher und zwar in nicht allzu jernliegender Zeit der deutjche Unterricht, alfo auch die Literatur- funde einnahm, ijt nichts bezeichnender als der von dem berühmten Philologen Friedrich Thierſch ausgearbeitete Schulplan für Bayern vom 8. Februar 1829; von den 24 PBflichtjtumden entfüllt feine

N. Brumner, Literaturkunde und Literaturgefhichte in der Schule. 3

einzige auf die deutjche Sprache, da nach Thierſchs Anficht für die formale Ausbildung in der Mutterjprache das meijte der alt- £lajfiiche Unterricht thue, die Lektüre aber nicht in der Schule, jondern zu Haufe vorgenommen werden ſolle.) Eine allmähliche Befjerung trat jehr bald ein, aber ein ernfterer Verjuch, von Seite der Schule der Literaturfunde die gebührende Aufmerfjamfeit zu Ichenfen, wurde, in Bayern wenigjtens, erjt gegen Ende des fiebenten Dezenniums gemacht.

Daß der deutjche Unterricht immer mehr an Bedeutung gewann, war vor allem die Folge der bahnbrechenden Schriften von Robert Hiecke ımd rnit Laas. Die Forderungen beider Pädagogen waren freilich viel zu Hoch; ihre Verdienjte würdigt mit maßvoller Kritik Rudolf Lehmann in jeinem „Dentjchen Unterricht“, einem Buch, das für jebt eine abjchliegende Bedeutung bat.

Wie jorgt nun unfere heutige Schule für die Literaturkunde ?

Mit den Lejebüchern, welche eine nur dem individuellen Geſchmack des Herausgebers entjprechende Auswahl von Lefejtücken boten, ijt grimdlich aufgeräumt. Schon von der unterjten Klaſſe an werden die Schüler mit jorgfältig nach methodifchen Grund- jügen ausgewählten poetifchen und proſaiſchen Leſeſtücken befannt gemacht. Ein Kanon jorgt in der Regel an jeder Anftalt dafür, daß gewiſſe Gedichte von allen Schülern beim Unterricht fennen gelernt und einige durch Memorieren zum bleibenden Eigentum werden. In den mittleren und oberen Stlaffen bilden Dramen joiwie eine Auswahl aus den jchiwierigeren Gedichten Goethes und Schillers die jtehende Stlafjenleftüre. Daneben liejt man Hiftorifche und philoſophiſche Broja von Wincelmann, Herder, Leifing, Goethe, Schiller, joiwie Reden, auch aus der neueften Zeit, z. B. von E. Curtius; jelbjt Romane, wie Guſtav Freytags Ahnen, zu Haufe zu lefen und in der Schule in der einen oder anderen Form

!) Grießbach, Die gefhichtliche Entwicklung des altklaffifchen und dentfchen Unterrichts an den Gymnaſien im Königreich Bayern. Programm des k. huma— niftischen Gymnaſiums zu Hof. 1892,

1*

4 A. Brunner, Piteraturfunde und Piteraturgefchichte in der Schule.

über die Lektüre Rechenschaft zu geben, werden unſere Schüler angehalten. Ueberblickt man die in den „Sahresberichten der deut- ichen Gymnaſien mitgeteilte Klaſſen- und Privatlektüre, jo wird man kaum mehr eine Lücke entdecken können, welche durch einen neuen Borjchlag ausgefüllt werden könnte. Denn auch die mittel- hochdeutjche Poeſie, Shakeſpeare und jelbjt Werfe der neuejten Dichter, wie Martin Greifs Dramen, bilden den Gegenftand der Symnaftalleftüve. Erwägt man noch, daß dem deutjchen Aufjas in den Prüfungsordnungen eine ganz hervorragende Bedeutung beigelegt wird, jo muß man nach unjerer Anficht zugeben, daß die deutſche Sprache und Literatur jo ziemlich diejenige Stellung errungen hat, die ihr am deutjchen Gymnaſium gebührt. Wir wiſſen freilich, daß manchen das Erreichte noch viel zu wenig jcheint. Die Entjcheidung der Frage, wie viel noch anzujtreben jei, hängt zu jehr nicht nur von rein jchultechnifchen Erwägungen, jondern auch von der prineipiellen Anfchauung über die Aufgaben des Gymnaſiums ab, als daß ihre Erörterung hier am Platze wäre.

Daß die Lehrer es an Eifer und fjorgjamer Fortbildung nicht fehlen lafjen und die reiche Literatur!) gewiſſenhaft benüßen, darf ohne UWeberhebung behauptet werden. So bieten denn die Lehrpenja, die Auffäge, überhaupt der gejamte Unterrichtsbetrieb für alle diejenigen, welche vor etiva dreißig Jahren das Gymnaſium verlafjen haben, ein vecht überrajchendes Bild, an dem auch die Stürmer und Dränger der verjchiedenen Neformparteien wenig zu mäfeln finden. Trotz dieſer jcheinbaren Bollfommenheit können

Wir führen von methodiihen Schriften nur das oben erwähnte Bud) von Rudolf Lehmann am und die reichhaltige Programmliteratir. Reich an tefflichen methodiſchen Winfen ift auch der eine umfaffende Schulliteratur berüctjichtigende „Ausgeführte Lehrplan im Deutichen“ von Schnippel (Berlin, Gärtner). Bon Zeitihriften dient vor allem Lyons „Zeitjchrift für den deutjchen Unterricht“ den Bedürfniffen der Schule, während Rethwiſchs „Sahresberichte für das höhere Schulweſen“ auch für den deutjchen Unterricht ein periodijches Repertorium bilden. Eine kritiſche Umschau auf dem Gebiete der Literatur für den deutſchen Unterricht geben ferner die „Jahresberichte für neuere deutjche Yiteraturgejchichte” im dem „Die Literatur in der Schule“ .betitelten Abjchnitt, welcher 1890 und 1891 von R. Lehmann, 1892 von P. Goldjcheider verfaßt üt.

A. Brunner, Piteraturfunde und Piteraturgefhichte in der Schule. 5

aber diejenigen Lehrer, welche mitten in der Schularbeit jtehen, ihre Augen den Gefahren faum verjchliegen, welche einem wirklich fruchtbringenden Unterrichtsverfahren auf diefem Gebiete allmählich drohen. Mögen auch die Vertreter der Literaturgejchichte an den Univerfitäten den Betrieb der Viteraturfunde an den Mittelichulen ihre Aufmerfjamfeit zuwenden und ihre Zuhörer, joweit ſie ich zu Lehrern an Meittelfchulen ausbilden, warnend und mahnend zu unteriveifen nte müde werden!

Eine unleugbare Gefahr liegt offenbar in der Ueberfülle des Leſeſtoffes. Freilich ijt diefe Gefahr feine allgemeine, jondern tritt nur da und dort, oft aber in auffallender Weije, zu Tage. Wo fie jedoch bejteht, ift fie groß; denn fie bedroht eine der unantajtbaren Hauptaufgaben des deutjchen Gymnaſiums, nämlich die Schüler an gründliche Arbeit zu gewöhnen; wer aber über- büxdet ijt, verfällt notwendig der Oberflächlichfeit. Und wenn es ferner Aufgabe des Gymnaſiums ift, die Schüler Hungernd und dürftend zu machen, wenn es unbejtritten fejtiteht, daß das Gymnaſium eine Vorſchule bildet, vor allem für die Univerfität, jo ift nicht abzujehen, weshalb eine Art von Bollftändigfeit er- jtrebt werden joll. Wer am Gymnafium mit unverdautem Wiſſen überjättigt worden, der hat nicht Luſt, an der reichen Tafel der Hochjchule mehr Blab zu nehmen; das mögen jene fich merken, die über die Abnahme der philofophifchen Studien fchelten; fi werden darin allerdings feine völlige Erklärung, aber doch einen Grund dafür finden, daß die Hörſäle der philofophifchen Wiſſen— Ichaften weniger voll find, als man im Intereſſe der allgemeinen Bildung unferer afademijchen Jugend wünjchen muß.

Die Grenzen des Zuviel find nicht fejtzuftellen; denn das Maß der Schularbeit hängt zu ſehr von der Individualität der Schüler ab. Die Hauptjache wird fein, daß dieje durch gründliches Studium einiger für den Schulunterricht bejonders tauglicher Hauptwerke) Goethes, Schillers und Leſſings ihr äſthetiſches 1) Vgl. „Die neuhochdeutfche Lektüre am Obergymnaſium“ von A. Brunner in den Neuen Jahrbüchern für Philologie und Pädagogit 1876 2. Abteilung ©. 624.

6 N. Brunner, Literaturkunde und Literaturgefchichte in der Schule.

Gefühl und Urteil bilden oder vielmehr zu bilden beginnen. Die Frage, ob in diefen Kreis der erjte Teil des Kauft und Nathan der Weiſe einzufchliegen find, kann nicht jchlechthin bejaht oder verneint werden, während man wohl faum ſchwanken wird, als Ergänzung der deutjchen Dichtungen noch das eine oder andere Drama von Shakejpeare den Schülern vorzulegen.

Uebergangen ſei hier die an fich keineswegs gleichgültige Frage, wann die einzelnen Schriften den Schülern vorzulegen find; im allgemeinen wind die Neife dev Schüler eher über- als unter- Ichäßt.

Wie eine Hauptjchranfe für die Menge des Lejejtoffes in der Individualität der Schüler liegt, jo iſt die Zuläffigfeit mancher jchtwierigen Schrift oder Dichtung hauptjächlich von der Indi— vidualität des Lehrers bedingt. Es ijt vielleicht einem philoſophiſch durchgebildeten Lehrer möglich, Schillers Schrift über native und jentimentalijche Dichtung mit Augen zu erklären, aber viele werden an diefer Aufgabe kläglich jcheitern nnd die ſchwere Verantwortung auf ich laden, den Schülern die Luft, ſich mit derlei Schriften jpäter zu. bejchäftigen, gründlich verleidet zu haben. Als offen- baren Mißgriff aber müfjen wir es bezeichnen, wenn man geivagt hat, genannte Abhandlung den Schülern als obligatorische Privat- lektüre zu überweijen. })

Hiemit haben wir bereits die Frage über die Erflärung der Schriftiwerfe gejtreift. Denn der Streit, ob man die Dichtungen durch jich jelbjt wirfen lafjen jolle, wie vor allem Raumer wollte, oder jie den Schülern erklären müſſe, wofür Hiecke und Laas jehr energijch eintraten, iſt zu Gunjten der le&teren entjchieden.

Kein einfichtiger Schulmann wird leugnen, daß der Aufſchwung, welchen die Gymnafialpädagogif in den legten Jahren genommen, jehr fördernd auch auf den deutjchen Unterricht eingewirkt Hat, aber andererjeits ijt doch auch faum zu verfennen, daß die Rück— ficht auf piychologiiche Behandlung der Lehrgegenſtände zu äußerſt

) Bol. die Verhandlungen der 22. Divektorenverfammlung in der Provinz Weftfalen 1889 ©. 75,

A. Brunner, Piteraturkunde und Piteraturgefhichte in der Schule. 7

fünjtlichen Berfnüpfungen führen kann, infolge deren die Yehrobjekte weniger um ihrer jelbjt willen als vielmehr als Grundlagen und Bauſteine der zu entwickelnden Idee erjcheinen und jo mehr, als gut tjt, in den Hintergrund treten. Cine notwendige Folge davon ijt zugleich, daß an fich Wertvolles, weil es fich dem jeweiligen Bau nicht einfügen will, unbeachtet bleibt. Man wird verftehen, was ich meine, wenn ich folgende Stelle aus Fries Abhandlung über „Die Lektüre der deutjchen Lyriker in den oberen Klaſſen der höheren Schulen" anführe. Frick jagt dort!) über Goethes Lyrik: „Goethe hat (in Werther Leiden) das Naturgefühl eigentlich evt erflärt und literariſch wieder eingeführt, es aber auch in jeinen eigenen Dichtungen in bisher unübertroffener Weife zum Ausdruck gebracht. Er iſt jodann wie fein anderer Dichter befähigt, uns über das Wejen der „Dichtung jelbjt Aufichluß zu geben. Deshalb rücken wir unter jeinen noch zu behandelnden Gedichten nunmehr diejenigen in den Vordergrund, welche dieje beiden Begriffe nach ihren Ele— menten zu tieferem Verſtändnis zu bringen geeignet find: das Maturgefühl nach jeinen beiden wejentlichen Seiten (Herauslejen der Stimmungswelt aus der Natur, Hineintragen unjerer Stimmungs- welt in diejelbe) jowie nach den Objekten (Mannigfaltigkeit der Vandjchaftsgebilde, Wechjel der Tages- oder Jahreszeiten); die Dichtung (Bhantafie, Gejtaltungsgabe, idealifierende Thätigkeit, Gehalt, fünjtlerifche Thätigfeit), Was jodann an den übrigen für diefe Stufe noch geeigneten Gedichten jich auf Menjchenleben und die Welt des Emigen (Vebensfragen und Lebensweisheit) bezieht, ordnen wir um jene beiden Hauptgruppen."

Ein anderes Beijpiel zur Erläuterung des oben Gejagten iſt die Einteilung, welche er in jeinem mit Polack herausgegebenen Werfe „Aus deutjchen Lejebüchern” (4. Band 2. Abteilung) für die Behandlung der Goethejchen Lyrik vorjchlägt: A. Naturleben. I. Gruppe, vorwiegend Ausdruc des Veaturgefühls: 1. Mteeres- jtille. 2. Slücliche Fahrt. 3. Auf dem See. 4. Dornburg. >. „Dämmerung ſenkte jich von oben". 6. Wanderers Nachtlied.

1) 7. Heft der „Lehrproben und Lehrgänge” ©. 70 (Halle, Waifenhaus.)

8 X. Brunner, Literaturkunde und Literaturgeſchichte in der Schule.

II. Naturgefühl und Liebe: a) Liebesglück: 1. Mailied. 2. Früh— zeitiger Frühling. 3. Nähe des Geliebten. 4. Jägers Abend— lied. b) Liebesleid: 1. Herbſtgefühl. 2. Schäfers Klagelied. 3. An den Mond. c) Die Natur ſelbſt als Geliebte angeſchaut: 1. Der Filcher. 2. Ganymed. TI. Natur und Gott. 1. Atmojphäre, Status, Cumulus, Cirrus, Nimbus. 2. a) Parabaſe, b) die Metamorphoje der Pflanzen, c) Epirrhema, d) Metamorphoje der Tiere, e) Antepivrhema. 3. Weltfeele 4. Prooimion. B. Menjchen- leben. 1. Gruppe (enge Anlehnung an das Naturleben): 1. Maho- mets GSejang. 2. Der Filcher. 3. Der Erlfünig. 4 Mignon. Il. Gruppe (Anlehnung an die gejchichtliche Welt): 1. Geijtes- gruß. 2. Bergſchloß. 3. Der Wandrer. IH. Gruppe (Innen— leben im Anſchluß an Einzelgejchichte): Der König in Thule. IV. Das eigene perjönliche Innenleben des Dichters. X. Gruppe (Lebensweisheit, Gnomijches): 1. Der Gejang der Geijter über den Wafjern. 2. Prometheus. 3. Grenzen der Menjchheit. 4. Das Göttliche. C. Dichtkunſt und Dichter: 1. Künſtlers Abendlied. 2. „Meine Göttin." Ob diejes Schema nicht einzelne überflüffige Gedichte enthält oder andererjeits einzelne übergeht, die dem einen oder andern wichtig jcheinen, darauf legen wir weniger Gewicht, ebenjo fragen wir nicht, ob die angedeutete Behandlung bei der be- ſchränkten Zeit ermöglicht wird; wohl aber müjjen wir den Zweifel ausjprechen, ob durch Die gernälke Sruppierung die Gedichte in die richtige Beleuchtung gerückt werden, und ferner, ob, wenn auch diefe Frage bejaht werden fann, der Schüler infolge der künſt— lichen Syjtematifierung nicht mehr von der eindringlichen Betrachtung abgezogen als dazu angehalten wird. Am bedenklichjten aber ſcheint uns der Satz (Lehrproben und Lehrgänge 7, 65): Mit der von uns gewählten eigentümlichen Anordnung aber wünjchen wir in einem einzelnen Bunft einen Beitrag zur praftifchen Ausgeftaltung einev Theorie des Lehrplans zu geben, joweit er nämlich die Lektüre dev deutjchen Lyriker in oberen Klaſſen betrifft." Das Klingt ja, als jolle allmählich ein ganz bejtimmtes, allgemein gültiges Verfahren für die Auswahl und Anordnung der Iyrijchen

Gedichte Herausgebildet, als jollten die Lehrer an den Mitteljchulen

A. Brunner, Piteraturfunde und Piteraturgefhichte in der Schule. 9

ganz Deutjchlands in Automaten verwandelt werden!!) Das Unter- vichtsverfahren darf gewiß nicht vom Augenblick eingegeben fein, aber eine für alle Yehrer verbindliche Methode fann und darf es jo lange nicht geben, als man die Individualität des Lehrers für einen wichtigen Faktor des Unterrichts hält; eine jolche einheitliche Methode fann es am wenigjten für die höchjten Unterrichtsitufen geben und am allerwenigjten für die Erklärung Iyrifcher Gedichte. Was joll hindern, die Iyrifchen Gedichte Goethes an jeine Lebens— gefchichte anzujchliegen oder fie mit Bezug auf Stil und Ton der Darjtellung vom einfachjten Lied bis zur grandiofen Odenform zu betrachten? Ganz bejonders aber fann es hier Feine bindenden Normen geben wegen der Berfchiedenheit der Lehrer. Beſitzt ein Lehrer poetischen Sinn und die Gabe, jchön zu lefen, jo kann er die den lyriſchen Gedichten gewidmete Unterrichtszeit zu wahren Weihejtunden machen, die oft auch im jpäteren Leben unvergefjen bleiben und jo den deutschen Dichtern nachhaltige Teilnahme fichern, während ein Amtsgenofje mit verjchieden gearteter Beanlagung oder unglüclichen Stimmmitteln troß aller pädagogischen Hilfen fich und das Gedicht lächerlich machen fann auf lange hinaus. Kurz, das geheimnisvolle Fluidum, das gerade bei Iyrijchen Dichtungen vom Lehrer auf die Schüler übergehen muß, wird in den Retorten der pädagogischen Yaboratorien nicht erzeugt.

Wir haben jchon oben bemerkt, daß der Aufſchwung, den die Pädagogik in legterer Zeit genommen, auch dem Untericht im Deutjchen zu jtatten kam. Zu der „neuen Methode" gehört auch die Anwendung der fogenannten Herbart-Zillerfchen Formalſtufen, deren nachdrückliche Betonung zweifellos dazu beitrug, daß man jich wieder mehr auf pfychologijche Unterrichtsbehandlung bejann. Gegen die überaus heftigen Angriffe auf die Anwendung der Formalſtufen verteidigen fich die Vertreter der Herbart-Zillerjchen

1) Bol. Oskar Jäger „Aus der Praris“ ©. 10: „... das wird Fünftig, wo es bloß noch Lehrkräfte geben wird, anders werden; allerdings diefe Lehr— fräfte werden feine Individuen mehr fein, jondern nur die willenlofen Organe der richtigen Methode, welche ihnen auf irgend einer Kandidatenbildungsanftalt eingegoffen worden,“

10 A. Brummer, Literaturkunde und Literaturgeſchichte in der Schule.

Schule mit allem Nachdruck: „ſie jeien als zwanglos verfügbare Hilfen frei und mit eigenem Nachdenken zu verwenden“, !) „mur einer elajtifchen Verwendung der Stufen und einer freien Bewegung innerhalb derjelben werde das Wort geredet" ?) u. ſ. w. Aber andererjeits haben jelbjt Anhänger des Herbart-Zillerichen Unter- richtsverfahrens mit Necht darauf hingewieſen, daß die praftijchen Arbeiten der Herbartianer in der That an manchen Stellen das Erreichbare, ja auch nur das Wünfchenswerte um ein Bedeutendes überſchreiten.“ Und hierin liegt gewiß eine Gefahr für den (itevaturkundlichen Unterricht. Wenn die in den mitgeteilten Lehr— proben aufgejtellten Grundſätze ohne weiteres Eingang in den Schulen fünden, jo würde der Lebensnerv des gedeihlichen Unter— richtes, die Teilnahme der Schüler, unterbunden.

Einer bejonderen Erörterung bedarf noch die jchulmäßige Behandlung der Dramen. An Hilfsmitteln fehlt es dem Lehrer feines- wegs. Er jchöpft nicht nur aus jenen Schriften, welche die wiſſen— ichaftliche Erfenntnis der Literaturwerke gefördert haben, jondern er benüßt auch die zahlreichen Silfsbücher, in denen der Erflärungs- jtoff gefammelt und in manchem Betracht durch jelbjtändige Forſchung der Herausgeber vermehrt dargeboten wird, *) jorwie die zahlreichen mitunter jehr verdienftlichen Schulprogramme, welche ſich mit der Erklärung von. Schuldramen bejchäftigen. Für die Schüler hat man eine Reihe von billigen Ausgaben hergejtellt, deren Mängel

*) Schiller in feinem „Handbuch der praftifhen Pädagogik“ (Leipzig, Fuss) ©. 237.

?) Frick im 6. Heft der Lehrproben und Lehrgänge ©. 113.

?) Verhandlungen der 22. Diveftorenverfammlung in der Provinz Weft- falen 1889 ©. 80.

) Ermwähnt jeien nur Kuno Fiſchers Schriften, Düntzers „Erläute- rungen zu den deutfchen Klaffifern“, die für alle Erklärer eine Hauptfundgrube find und bleiben, Fricks „Wegmweifer durch die Haffifchen Schuldramen“, ein jehr gründliches Werk, das auch durch jelbftändiges Urteil fi) auszeichnet, aber von Rünfteleien keineswegs frei ift, Bellermanns „Schillers Dramen”, Blüm- ner3 Kommentar zu Leffings Laokoon, Coſacks Materialien zu Leſſings Ham- burgifcher Dramaturgie.

A. Brummer, Literaturkunde und Literaturgefchichte in der Schule. 11

jüngjt Kurt Hentjchel in durchaus zutreffender Weiſe bejprochen hat; bier jei nur auf eine Seite jeiner Ausführungen hingewiejen, nämlich auf die Textänderungen, die man im Dienjte der Moral vornehmen zu müſſen glaubte. Wenn etwa die derbe Aeußerung in Leſſings Minna von Barnhelm (I. 12) ausgelafjen wird, jo fann man dagegen wohl wenig oder nichts einwenden. Und wenn Verſe gejtrichen werden wie: „Dirnen, die ließ er gar nicht paffieren, mußten jie gleich zur Kirche führen," jo iſt das einfach lächerlich, aber nicht mehr. Dagegen hört der Scherz bereits auf, wenn Baumgartens Erzählung „Sch Hatte Holz gefällt Bad geſegnet“ fehlt. Mean jollte doch meinen, es jei vor allem darauf zu achten, daß der Zuſammenhang gewahrt wird. Aber die Aengitlichfeit geht noch weiter, viel weiter, unglaublich weit! Der 3. Aufzug von Maria Stuart jcheint einem Herausgeber jo gefährlich, daß er die acht Auftritte auf vier gefürzt hat; ebenjo ijt dortſelbſt im 1. Aufzug der +. Auftritt faſt ganz ausgejchteden worden. Gegen eine jolche barbarijche Berjtümmlung, durch welche die Lektüre volljtändig illuforisch wird, fann nicht laut genug Einjprache erhoben werden. Doch ſchlimmer jcheinen uns freilich die häufig vorfommenden Fälſchungen des Tertes. Nur durch ein paar Citate wollen wir den Unmut des Leſers gegen jolche Ver— Jündiqgungen wach rufen. So nennt nach einer Ausgabe Egmont jeine Geliebte niemals Liebchen, jondern ſtets nur Klärchen. Statt „wenn mein Schoß von einer Tochter jich entbinden würde" Liejt man in einer Ausgabe: „wenn ich Mutter von einer Tochter einjtens werden würde" ; ähnlich wird ftatt „der des alten Fürſten ehliches Gemahl in ein frevelnd Ehebett geriffen” gejchrieben: „in ein frevelnd Eheband gerifjen.‘

Die oben genannten Erläuterungsiverfe ‚find wohl geeignet, auch den Anfänger im Lehramt den rechten Weg zu weijen und auf die Hauptgejichtspunfte der Erklärung aufmerffam zu machen: ‚sortjchritt und pfychologische Motivierung der Handlung, Charakte-

) Beitfchrift für den deutfchen Unterricht. 8. Jahrgang 1894, ©. 22. Diefem Auffat find die folgenden Beifpiele größtenteil3 entnommen.

12 N Brunner, Piteraturfunde und Piteraturgefchichte in der Schule.

riſtik der Perſonen, Entwicklung der Hauptidee; auch) die Forderung, daß. Dramen nicht Zeile für Zeile in der Schule gelejfen, und die dramatijchen Gejeße an den Dramen jelbjt entwickelt und aus ihnen abgeleitet werden jollen, wird jeßt wohl überall beachtet. Bei der Sründlichkeit der Kommentare iſt freilich die Gefahr nicht aus- geſchloſſen, daß die Dichtung „zerrupft und zerpflückt und zu Atomen zerfafert, und herausgezerrt wird, was nicht darin iſt.“ Se erachte ich es 3. B. ſchon für gefährlich, wenn gelegentlich der Erklärung von Goethes Iphigenie das Heldentum der Perſonen einen jtehenden und weſentlichen Bejtandteil der Lektüre bilden joll, etwa nad) folgenden Gefichtspunften: Heldentum der Iphigenie als das Helden- tum eines Weibes, das Heldentum innerer Kämpfe; das Heldentum Drejts zuerjt als Heldentum des Duldens, dann als Heldentum der tapferen That; das Heldentum des Gejchlechtes der Atriden; das geijtige Heldentum des Ihoas.!) Jedenfalls aber müßte die lebendige, unbefangene Erklärung zu einem gefünftelten, toten Formalismus erjtarren, wenn es der Lehrer als jeine Aufgabe betrachtete, bei der Lektüre der Dramen die Begriffe der Ehre, Treue, der yarramrys, der Jittlichen Freiheit als Centren der Unter— richtsbehandlung zu betrachten.?) Dagegen wird fein Unbefangener verfennen, daß gewiſſe Dramen von jelbjt zur Erörterung der genannten Begriffe anregen. Nur zu einer ermüdenden Wieder— fehr jolcher Erörterungen darf man es nicht fommen lafjen; denn „ver Unterricht joll methodisch, aber ex darf nicht ſchematiſch ſein.“ Eine wirffame Kontrole der mit den Schülern bei der Dramen- leftüre erarbeiteten Unterrichtsergebnifje bilden deutſche Aufſätze. Daß dieje Kontrole ewnftlich geübt wird, dafür zeugen die in den „sahresberichten dev Gymnafien mitgeteilten Themen. Solche auf- ') Frid, Wegweifer durch die Haffifhen Schuldramen 1, 356, 414.

?) Frick, Yehrproben und Lehrgänge 5, 16. Wenn ich die Arbeiten des num verewigten hochverdienten Schulmanns nicht immer in zuftimmendem Sinn erwähnte, fo wird hierin hoffentlich niemand eine pietätlofe Nergelei erbliden. Wer feine Ausführungen nicht in allen Stücen billigen kann, darf an ihnen auch jest noch nicht ſchweigend vorübergehen, weil die Autorität des Verfaffers feinen Schriften eine über das Grab hinausreichende Bedeutung fichert.

A. Brunner, Literaturkunde und Literaturgefhichte in der Schule. 15

zufinden fällt auch dem Anfänger nicht jchiwer, da eine Anzahl trefflicher Auffaßbücher die Themen zu deutjchen Aufjäßen teils ausschließlich, teils großenteils der Lektüre, namentlich der Dramen- lektüre entnimmt.!) Auch wird durch den Vergleich mit den Schrift- werfen. der antiken Schriftiteller eine jehr fruchtbringende Kon— zentration des Unterrichts hergejtellt. Gewilje Begriffe, 3. B. der des Tragijchen, die bei der deutjchen Leftiire gewonnen wurden, iwerden- auch an Homer nachgeiviejen, für Motive und Charaktere der Perſonen einer modernen Tragödie wird eine Parallele in einem antifen Drama gejucht u. ſ. w. Daß übrigens mit folchen Themen, die ſich auf deutjche oder auch antife Dramen oder auf Bergleiche zwiſchen deutjchen und antifen Dichtungen beziehen, des Guten zu viel gejchehen fann und gejchieht, iſt zweifellos. Yeicht ganz jelten wird der Schüler veranlaßt, über den Dichter, zu dem er weil er Schüler ift bewundernd aufjchauen jollte, zu Gericht zu fißen,?) noch häufiger aber werden Themen gejtellt, deren Bearbeitung nur jpisfindigem Klügeln gelingen kann. Derlei Künfteleien perjifliert Oskar Jäger in jeinem unübertrefflichen, durch jeltenen Freimut ausgezeichneten Büchlein „Aus der Praxis“, aus dem ſchon oben eine Probe angeführt wurde, in köſtlicher Weife durch folgende Themen: Welche Gründe bejtimmen in Schillers Tell den kleinen Wilhelm, nicht mit nach Altdorf zu wollen? Charakter der Neubrunn in Wallenjtein. Aber auch das Uebergewicht, das die auf Dramen bezüglichen Aufſätze all- mählich gewonnen haben, jcheint nicht unbedenklich. Unleugbar bildet das Berjtändnis deutjcher Dichtungswerfe ein wichtiges Unterrichtsergebnis deutjcher Gymnaſien, aber von gleicher Wichtig- feit ijt auch der Beweis, daß die Schüler unſerer Gymnafien etivas von dem Geiſt des Flajfischen Altertums verjpürt haben, daß jte die Erzeugniſſe des Altertums bis zu einem gewiſſen

1) Air meinen freilich nicht, daß ſolche Themen in bequemer Weiſe ein— fach beim Unterricht benützt werden jollen, aber gute Themen vegen zu ähnlichen an umd ftellen beachtenswerte Grenzen auf. Selbſt die von Yaas mitgeteilten Dispofitionen können befonnenen Lehrern nützlich werden.

2) Solche gefährlihe Aufgaben veranlaßte namentlich Laas.

14 N. Brummer, Literaturkunde und Literaturgeſchichte ın der Schule.

Grade kulturhiftorifch verjtehen gelernt, ihre Beziehung zur Gegen- wart einigermaßen erkannt und überhaupt jich eine gejchichtliche Auffafjung, bijtorischen Sinn angeeignet haben. Dies wird ja wohl ungefähr auch der Sinn des fajt zu Tode gebeten Bildes jein, daß der deutjche Unterricht die Strahlen der übrigen Unter- vichtsfächer in jeinem Spiegel zu jammeln habe. Sa, er mag getroft auch noch die Strahlen jammeln, die er aus dem Er— fahrungsfreis der Schüler auffangen fann. Mit andern Worten: die Schule darf ſich nicht auf literarijche Themen bejchränfen, jondern ſoll auch hiſtoriſche, namentlich Eulturhiftorifche, und ſo— genannte allgemeine Themen berüctfichtigen. Dieſe dreifache Auf- gabe des deutjchen Aufſatzes jehen wir auch in den bayerijchen Abiturientenauffägen berückfichtigt. Im Bayern find nämlich die Abiturientenaufgaben für alle Gymnafien die nämlichen, mit der Ausnahme, daß von der oberiten Schulleitung jtets drei Aufjaß- themen vorgelegt werden, von denen die Prüfungstonmiffionen der einzelnen Gymnaſien eines auszuwählen haben. Regelmäßig wird ein jogenanntes allgemeines, ein hiſtoriſches over fulturhiitorijches und ein’äjthetijches Thema!) bejtimmt. Yeßteres bezog fich in den legten Sahren auf die Dramenleftüre; es jollte 3. B. der Charakter des Helden eines gelejenen Dramas gejchildert oder nachgewiejen werden, wie jich die Handlung eines Dramas aus den Charakteren der Hauptperjonen entwidelt u. ä. Es ſcheint fajt, als jollten Themen diejer Art alljährlich wiederfehren; das aber wäre jehr bedenklich. Denn darf man annehmen, daß bei jeder Abiturienten- prüfung ein Thema gejtellt wird, das die Yeftüre eines Dramas zur VBorausjegung hat, jo muß dies keineswegs ein gründlicheres Studium der Dramen im allgemeinen zur Folge haben, jondern es liegt die Gefahr nahe, daß Lehrer und Schüler ein einziges Drama, gewöhnlich das zuleßt gelejene, mit Rückſicht auf den Abiturientenauffaß als Gegenjtand des Drilles und des mechanischen Studiums betrachten. Das ijt aber eine unwürdige Taglöhner-

!) Leider nur ganz ausnahmsweiſe wurden literarhiftorifche Themen und ſolche über die mittelhochdeutjche Literatur gejtellt.

A. Brumner, Viteraturfunde und Literaturgefchichte in der Schule. 15

arbeit, die von der idealen Bejchäftigung mit unjeren Dichtungs- werfen weit entfernt ift und geradezu demoralifterend wirkt. Außerdem gibt ein jolchermaßen vorbereiteter und „zugerichteter Auffag nimmermehr einen Mapjtab für die Beurteilung der geijtigen Reife. |

Aber auch bei freier, idealer Lehrer- und Schülerarbeit wird der jchädliche Mechanismus nicht immer ferne gehalten. Und hiezu tragen jelbjt literarifche Hilfsmittel, welche die Frucht ernjter Arbeit find, nicht wenig bei. Freytags berühmte „Technik des Dramas“ iſt allmählig auch ein Schülerbuch geworden, das aber freilich oft nur dazu dient, über verjchtedene Fragen ſich ſchnell Auffchluß zu erholen. Den Schülern allerdings wenig befannt find die Schriften von Unbefcheid!) und Franz. ?) Auch fie dürfen nimmermehr für den Lehrer autoritative Bedeutung gewinnen. Allerdings ſcheint diefe Bemerkung überflüffig, aber gleichwohl liegt wenigjtens für den jungen Lehrer die Gefahr nahe, daß er jich feinen unbefangenen Blick durch ſolche Bücher trüben läßt. Selbjtändige Auffafjung und völlige Klarheit des Lehrers, oft freilich erjt das Ergebnis wiederholten eindringlichen Studiums, tjt, wie überall, jo auch hier die notwendige Grundlage gedeihlicher Unterwetfung. In der Unterrichtsjtunde jelbjt mag man dann heuriftifch die Hauptidee und den Aufbau des Dramas entiwiceln und durch eine bejonnen und jorgjam geleitete Diskuſſion der Schüler klären. Dabei fann der Lehrer die in den literarischen Hilfsmitteln vertretenen Anfichten beiziehen und der Prüfung unterjtellen, aber es ijt feineswegs nötig, daß die Streitfragen entjchieden werden, daß ein völlig befriedigendes Ergebnis gewonnen wird; es wird fich vielmehr als jehr förderlich erweijen, den Schülern oft nur zum Bewußtſein zu bringen, daß verjchiedene Auffafjungen möglich find, und ſie darauf hinzuweiſen, daß das in Rede jtehende Problem auch noch für jpätere Jahre

1) Unbejcheid, Beitrag zur Behandlung der dramatifchen Lektüre, Dresden 1886.

2?) Rudolf Franz, Der Aufbau der Handlung in den Haffischen Dramen Bielefeld und Leipzig (Velhagen und Klafing) 1892.

16 N. Brunner, Literaturkunde und Piteraturgefchichte in der Schule.

Gegenstand des Nachdenkens und des Studiums bleiben joll. Wir meinen, daß durch jolche Behandlung äjthetifcher Fragen fich das Gymnaſium als Vorſchule für das wiljenschaftliche Leben erweijen fann. So wird der Schüler allmählich) auch zu der wichtigen Erkenntnis kommen, daß der Genius fich nicht immer den Schul- vegeln fügt, jondern aus jich begriffen werden müſſe.

Diefen Weg, eine Frage nicht jchlechthin zu entjcheiden, jondern vorläufig nur die verichiedenen Wege der Entjcheidung zu weijen, wird man auch bei anderen äjthetijchen Fragen einzufchlagen haben, jo 3. B. bezüglich der Schuld Emilias in Leſſings Drama und hinfichtlich des Begriffes des Tragijchen. Viſchers Erklärung dDiejes Begriffes wird vielleicht die Grundlage der Bejprechung bilden können, aber der Lehrer wird auch Schillers, Hegels, Stleins, Baumgarts, Günthers Aufjtellungen kennen müfjen, nicht um durch einen gelehrten Siathedervortrag das Staunen der Schüler zu erregen und dabei ihre Köpfe leer zu lafjen, jondern um, weije auswählend und jorgjam gruppierend, den Begriff zu erläutern und die wichtig- jten Unterjchiede der Auffaſſung Elar zu jtellen. Mit einem Macht- wort wird er ebenjowenig über die Tragif des Dedipus wie über die Katharjisfrage hinweg kommen fünnen und dürfen. Letztere gehört überhaupt faum in die Schule, da ihre Behandlung feinen jolchen didaktischen Gewinn abwirft, daß es dem nötigen Aufwand an Seit entjpricht. Glaubt aber der Lehrer, darauf nicht verzichten zu können, jo darf er fich nur auf kurze Darlegung der wichtigjten Auffaffungen bejchränten. Wie follte die Schule ſich anmaßen, jertige Entjcheidungen jolcher Fragen zu übermitteln, welche für die größten Geifter noch immer Gegenftand der Erörterung und des Zweifels find? Und müßte fie nicht auch an Anjehen einbüßen, wenn der Schüler jpäter erfährt, daß die Dinge nicht jo einfach liegen, wie jte ihm nach dev Darjtellung feiner Lehrer am Gymnafium ichienen ?

Es erübrigt noch, die mittelhochdeutfche Lektüre furz zu be- Iprechen. Daß die preußifche Unterrichtsverivaltung die ſchulmäßige Lektüre mittelhochdeutjcher Dichtungen in dev Urſprache abgeschafft hat, ijt hinlänglich befannt. Die hierauf bezüglichen Vorjchriften

N. Brunner Literaturkunde und Literaturgeſchichte in der Schule. 17

lauten: Einführung in das Nibelungenlied unter Mitteilung von Proben aus dem Urtext, die vom Lehrer zu leſen und zu erklären

ſind . . . Einzelne ſprachgeſchichtliche Belehrungen durch typiſche Beiſpiele . . . Vorträge der Schüler über den Inhalt bedeutenderer

mittelhochdeutſcher Dichtungen.“ Es iſt überflüſſig, hier die Gründe zu jener Vorſchrift oder

die durchaus gelungene Widerlegung derſelben durch eine reich— haltige Literatur ausführlich zu beſprechen. Wir wollen nur auf das eine hinweiſen, daß es ein Widerſpruch der grellſten Art iſt, wenn der Schüler eines deutſchen Gymnaſiums zwar Homeriſche Formen ſprachgeſchichtlich zu erklären vermag, aber in der hiſtoriſchen Grammatik ſeiner Mutterſprache durchaus nicht Beſcheid weiß. Aber auch hievon abgeſehen wird es ſich fragen, was unter Ein— führung in das Nibelungenlied zu verſtehen iſt, d. h. ob es erlaubt und möglich iſt, das Lied wenigſtens durch Ueberſetzungen pädagogiſch ſo zu verwerten, wie die ethiſche Wirkung der Dichtung es wünſchens— wert macht; außerdem, ob die nicht ausdrücklich erwähnten Lieder Walthers von der Vogelweide teilweiſe wenigſtens in der Ueber— jeßung gelejen werden. Wir Bayern fünnen mit Genugthuung und Stolz auf die Verordnung unferer Unterrichtsverwaltung hin- weijen, daß ausgewählte Stücke des Mibelungen- und Gudrunliedes joiwie einige Lieder Walthers von der Vogelweide gelefen und erklärt werden jollen. „Bor Beginn der Vektüre umd in Verbindung mit dieſer iſt die mittelhochdeutjche Yaut- und Formenlehre zu behandeln. Es ſoll damit nicht nur ein Verſtändnis unjerer alten Sprache und YViteratur, jondern auch eime hiftorische Sprach betrachtung angebahnt werden." Einzelnen jchultechnischen Bedenken gegen diefe im ganzen hocherfreuliche Borjchrift haben wir in der ZJeitjchrift für deutjchen Unterricht, 6, 802 „Der deutjche Unter richt und die Neform der höheren Schulen in Bayern”, Ausdrucd gegeben. Es wurde dort namentlich darauf bingewiejen, daß die Schüler das ganze Vibelungenlied, wenn auch qroßenteils durch eine Ueberſetzung, fennen lernen müfjen. Spricht man jo viel von dem „nationalen Element” des Unterrichtes, jo muß man doch vor allem jenes Epos, das ganz aus dem deutjchen Geiſt und Bolfe Euphborion II. 9

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{8 A. Brunner, Literaturkunde und Literaturgeſchichte in der Schule.

ervorgewachjen iſt, billig in erjter Linie der Jugend zugänglich machen.

Wir gehen nach diefen Bemerkungen über die Lektüre zu der Frage über, inwiefern an den Gymmafien ein eigentlicher Unter vicht in dev Yiteraturgefchichte gepflegt werden kann.

Vorausgeſchickt jeien die Bejtimmungen der wichtigſten Lehr— pläne.

Der neue preußijche Lehrplan verlangt: Ausblicke auf nordiſche Zagen umd die großen germanischen Sagenfreife, auf die höfiſche Epik und die höfische Lyrik. Yebensbilder aus der deutschen Literatur- geichichte vom Beginn des 16. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts in fmapper Darjtellung. Proben von neueren Dichtern. Lebens- bilder Goethes und Schillers und ihrer berühmtejten Zeitgenofjen ſowie bedeutenderer neuerer Dichter.

Die bayerische Schulordnung jagt über den literargejchicht- lichen Unterricht: „Ein hiftorischer Ueberblick der deutjchen Literatur wird in den beiden oberen Klaſſen gegeben und zwar in der 8. Klaſſe von der ältejten Zeit bis zum Schlufje des 16. Jahrhunderts, in der 9. Klaſſe von Opitz bis in das 19. Jahrhundert. Es joll Dabei der Literarische Entwiclungsgang in furzen, aber jcharfen Umriſſen und mit charakteriftiichen Belegen aus den beiden klaſſiſchen Epochen zur lebendigen Anjchauung gebracht und eine eingehendere Behandlung mm den bedeutendjten und einflußreichjten Schrift- jtellevn der neueren klaſſiſchen Epoche gewidmet werden.“

Die Inſtruktionen für den Unterricht an den Gymnafien in Defterreich!) endlich äußern fich im Eingang der ziemlich aus- führlichen Borjchriften über den Unterricht in der Literaturgejchichte folgendermaßen: „Yiteraturgefchichte ift als -Tehrftoff des Gym- naſiums inſofern grundfäglich abzulehnen, als fie üjthetifierend vorgetragen wird, d. h. dem Schüler äjthetifche Urteile beibringt, die er nicht aus eigener Lektüre jchöpfen gelernt hat; joweit jie aber vein hijtorijch bleibt, d. h. Literarische Werke, Perſönlichkeiten,

') Eime von tiefer pädagogischer Einficht zeugende Schrift, die nach unferer

Anſicht nur in den Fehler verfallen ift, daß fie auch alles einzelne gleichheitlic) regeln will,

A. Brunner, Literaturkunde und Literaturgefchichte in der Schule. 19

Richtungen in ihren hiſtoriſchen Zujammenhängen nach Ort umd Zeit befchreibt, it fie ebenjo zuläfjig wie die Staatengejchichte und ergänzt dieje. Doch it die engite Begrenzung des Stoffes not- wendig, insbefondere für jene Perioden, deren Erzeugnijje nicht Segenjtand der Schullektüre find" u. j. w.

Man erfennt aus diejen kurzen VBorjchriften den Unterſchied der Auffaffung: In Preußen kommt für den literaturhiftorifchen Unterricht die auch für den Gejchichtsunterricht der unteren Klaſſen maßgebende biographijche Behandlung in Betracht, die beiden anderen Lehrpläne wollen innerhalb bejcheidener Grenzen einen wirklichen literaturgeichichtlichen Unterricht erteilt wifjen. Für welchen Lehrbetrieb man fich entfcheiden wird, jcheint faum zweifel- haft. Soll der Schüler einen richtigen Begriff von dem Weſen der Literatur erhalten, joll er lernen, daß fie ein durch viele Faktoren der Kultur bedingtes Produkt it, Viteraturgejchichte alfo einen Zeil der Sulturgejchichte bildet, jo wird man auf eine, wenn auch nur elementare, eigentlich gejchichtliche Behandlung nicht ver- zichten können. Es iſt auch nicht zu fürchten, daß dadurch eine Ueberbürdung der Schüler eintritt; es wird vielmehr die Kon— zentration des Unterrichts gefördert. Seitdem man nämlich zur Einficht gefommen, daß es Aufgabe des Gejchichtsunterrichtes ift, nicht etiva nur eine Gejchichte der Kriege zu übermitteln und genealogijche Tafeln auswendig lernen zu lafjen, jondern den Ent- wicklungsgang der einzelnen Völker, und zwar nicht nur nach der vein politifchen Seite, aufzuzeigen, muß die Sprache und Yiteratur eines Volkes auch im Gejchichtsunterricht Gegenstand der Betrachtung jein. Werden nun die Fäden des gejchichtlichen oder, genauer gejagt, des fulturhijtorischen Unterrichts in den Bereich des deutjchen Unterrichtes herübergejponnen, jo wird man der Aufgabe, literatur- gejchichtlichen Unterricht in bejcheidenem Sinne des Wortes zu erteilen, leicht gerecht werden fünnen. Die Werfe, die der Schüler fennen gelernt und jtudiert hat, bilden die Hauptglieder der Ent-

1!) Die Unzufriedenheit der preußifchen Lehrer mit dev neuen Vorſchrift fam in den Neferaten für die 22, Divektorenverfammlung in der Provinz Weit falen zum deutlichen Ausdrud.

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90 X. Brunner, Literaturkunde und Literaturgeſchichte in der Schule.

wicklungskette; diefe durch Bindeglieder zu ſchließen, wird dem litevaturgefchichtlichen Unterricht zufallen. Es ift z. B. nicht mög- lich, in der Schule Hans Sachjens Werfe oder die Erzeugnifje der ſchleſiſchen Dichterfchulen zu lefen; aber joll der Zufammen- hang zwiſchen dem Mittelalter und der neueren Zeit Elar gelegt werden, jo ijt es unumgänglich nötig, auf den unendlichen Einfluß des Humanismus und der Nenaifjance hinzuweifen. So merden für lange Strecken der Literaturgefchichte, z. B. für die Zeit von 1300-1500 und wieder für den Zeitraum von Yuther bis Klopſtock die Hauptthatjachen der politischen Gejchichte und dev Kulturgejchichte die Wegezeiger dev ſchulmäßigen Literaturgejchichte bilden. Noch aufdringlicher macht fich der Einfluß der politijchen Gejchichte im Mittelalter geltend. Hier fann man überzeugend darthun, daß unfere Sprache und unjere Literatur das Spiegelbild unferer Sefchichte it. Die literarischen Erjcheinungen von 900—1200 (lateinische Hofdichtung, Stoff der höfiſchen Poefie u. dgl.) können und müffen in durchaus heuriſtiſcher Weiſe aus dem Gejchichts- wiſſen des Schülers entwicelt werden. Die Ergebnifje der Be- iprechung bilden, jtreng genommen, feinen neuen Lernjtoff, jeden- falls feine Belaſtung, jondern bringen nur Klärung und Berdichtung der erworbenen Kenntniſſe. Und in welchen Lichte erjcheinen auch die befannten Dichtungen, z. DB. Schillers Jugenddramen oder Emilia Galotti, wenn der Yehrer mit weifer Bejchränfung das von Minor und Weltrich in ihren Schillerbiographien gebotene Material verivendet !

Dad Yaas die Grenzen des ſchulmäßigen literaturgejchichtlichen Stoffes bei weitem überjchritten hat, wird wohl heutzutage allgemein zugeftanden. Andererjeits muß uns das Schema, das Wilhelm Herbjt in jeinem SHilfsbuch für die deutjche Piteraturgefchichte auf- geitellt hat, wenigjtens für die mittelhochdeutfche Periode die althochdeutjche Zeit bleibt jo ziemlich unberückjichtigt etwas zu dürftig erjcheinen; nahezu genügend dagegen ijt fein Plan für die neuhochdeutjche Literatur, die ex freilich exit mit Klopſtock beginnt. Als trefflich befannt jind die Yiteraturgejchichten von Hermann Kluge und Gottlob Egelhanf. An erjterer hat man freilich den

A. Brunner, Piteraturfunde und Literaturgefchichte in der Schule. 21

zu großen Umfang getadelt. Wer nur ein dürres Lernbuch ver- langt, hat mit diefem Vorwurf vecht, aber wir meinen, das Hand- buch der PLiteraturgejchichte ſoll wie das der politischen Gefchichte ein Nachjchlagebuch für das ganze jpätere Leben des Schülers werden, und hiezu eignet ſich Kluges Leitfaden fo qut vie nicht leicht ein anderes Werk. Bon etwas geringerem Umfang als Egelhaafs „Grundzüge der deutjchen Literaturgeſchichte“ ijt der fürzlich erſchienene Abriß der deutschen Piteraturgefchichte von Lyon, der namentlich in einer zweiten Auflage ſich manche Freunde ge- winnen wird. Die „Weberficht der Gefchichte der deutſchen Literatur“ von Pütz-Conrads ijt zwar wiſſenſchaftlich zuverläffig, entbehrt aber als Schulbuch viele Vorzüge, die anderen Handbüchern eigen find. Die Lehrer werden außer den befannten Werfen von Hettner u. ſ. w. mit Nuben auch „die Gejchichte der deutjchen Literatur“ don Ferdinand Schult benußen. Ebenfo ift ein willfommenes Hilfsmittel die graphijche Literatur-Tafel von Flaiſchlen. Zur Privatlektüre foll den Schülern die erjte Hälfte der befannten Piteraturgefchichte von Vilmar dringend empfohlen werden; denn niemand hat namentlich das Nibelungenlied ſchöner und ergreifender nacherzählt als er. Zu beginnen ijt der Unterricht damit, daß die Stellung der germanischen Sprachen, ihrer Dialekte und der daraus hervor gegangenen Idiome (des Englijchen, Niederländischen u. ſ. w.) innerhalb des imdoeuropäischen Sprachjtammes erläutert wird. Ein Blick auf Fritz Neuter wird namentlich in Süddeutjchland am PBlaße fein. Auch die Entjtehung der vomanijchen Sprachen wird hereingezogen. Die Erörterung nüpft überall an den Gefchichts- unterricht an. Die politifche Gejchichte erklärt auch die Bildung der Sagenfreije und das Uebergewicht der hochdeutjchen Yiteratur. Die Entjtehung des ältejten Sprachdenfmals fällt in die Regierung Karls des Großen, jeit Yudwig den Jrommen tritt die chriftliche Poeſie in den Vordergrund, unter den Ottonen die lateinische. Belanglos für die Schule iſt die num folgende Zeit bis zu den Hohenjtaufen. Nach deren für die Literatur hochbedeutfamen Regierungsperiode gelangen allmählich die Städte zur Blüte. Ihre Bürger pflegten den Meiftergefang. Gleichzeitig entjteht das deutjche

292 N. Brunner, Piteraturfunde und Piteraturgefchichte in der Schule.

Drama. An der Schwelle der neuen” Zeit und Sprache jteht Puther. Neben ihm macht der Humanismus feinen weitreichenden Einfluß geltend. Das Kirchenlied jchließt ji) an das Volkslied an. Letzteres erjcheint namentlich auch als Hijtorisches Volkslied, 2.98. auf die Schlacht bei Sempach, bei Pavia. Dem polemijchen Charakter des Neformationszeitalters gemäß treten Satirifer auf: Murner (der Nachfolger Seb. Brants) und Fiſchart. Der dreißig- jährige Strieg, an den Grimmelshaujfens Sittenroman anfnüpft, veranlagt die Verwelſchung Deutschlands und die Nachahmung der fremden Piteraturwerfe. Auf den Einfluß Frankreichs mußte jchon beim höfiſchen Epos hingewieſen werden. Dach den irrtümlichen Verſuchen der Schlefier, der deutschen Poeſie richtige Bahnen zu weifen, ſah man in der Herrichaft des franzöſiſchen Klaffizismus ein Allheilmittel. Aus der Schar der Gegner Gottjcheds im Jächjtichen Dichterverein ging Klopſtock hervor, deſſen begetjterte Jünger im Göttinger Dichterbund ich zuſammenſchloſſen. Klop— jtoef und jein Gegenbild, Wieland, Voltaires Schüler, führen zu Friedrich dem Großen und von diefem zum preußiſchen Dichter- verein hinüber. Rouſſeau wirkte auf den tdeenreichen Herder, der jene Genieperiode evöffnete, unter deren Bann auch der junge Goethe jtand, zugleich aber das Verſtändnis für das Wejen der Poeſie erjchloß, während Leſſing mit gewaltiger Hand die Feſſeln brach, welche die freie Entfaltung der dichterifchen Schöpfungs- kraft in Deutjchland jo lange gehindert.

Mit Namen von Schriftjtellern, die der Schüler durch die Lektüre nicht fennen gelernt, jowie mit Zahlen kann der Lehrer nicht ſparſam genug jein. Mean glaube auch ja nicht, daß durch Mitterlung von Proben jelbjt nur deutliche Umriſſe eines lebendigen Bildes entjtehen. Das Annolied, die Kaiferchronif u. dgl. find für den Schüler toter Gedächtnisfram. Much das Waltharilied wird nur mit Rückſicht auf Scheffels Effehard genannt werden. Solche Kückjicht auf Werfe der Neuzeit wird auch jonjt zu üben jein: beim Yeibelungenlied wird man auf Hebbels Trilogie und Geibels Brunhilde Hinweijen, und Richard Wagners Opern ver- leihen den mittelhochdeutjchen Stoffen erhöhten Reiz.

A. Brunner, Piteraturfunde und Piteraturgefchichte in der Schule. 25

Weiſe Bejchränfung iſt auch bei Dichtern am Blaße, die an fich bedeutend find. So fann Walther von der Vogelweide jo ziemlich als der einzige Vertreter des Minnegejanges gelten; außer ihm wird etiva nur Neidhart als Ausläufer der höfiſchen Lyrik anzuführen jein. Die mittelhochdeutjche Didaktik iſt durch Frei- danfs Befcheidenheit genugjam vertreten.

Manche Dichter, deren Werfe nicht gelejen werden fünnen, wird man dem Schüler mittelbar zur Anjchauung bringen, jo Hans Sach durch Goethes „Dans Sachjens poetische Sendung“ und „Legende vom Hufeiſen.“ Aehnlich kann bei Goethe Die Darjtellung des Tierepos der früheren Zeit nachgeholt werden, jomweit dies nötig jcheint.

Neben dem Inhalt der Piteraturiverfe iſt aber jtets auch ihrer Form, namentlich der Entwiclung der Sprache Aufmerkſam feit zu ſchenken.

An die Erörterung der deutſchen Sprachzweige veiht ſich pafjend eine Heberjicht der im eigenen Yande gejprochenen Dialekte. Wir Bayern dürfen dabei auch unjeres Schmeller nicht vergefien. Auf die Brüder Grimm und ihre Werfe führt, wenn nicht ein früherer Anlaß, jo doch der mittelhochdeutjche Unterricht bei Be Iprechung der Pautverjchiebung. Einen Begriff von der gothiichen Sprache erhält der Schüler durch Mitteilung des Waterunfer, das Althochdeutjche wird beim mittelhochdeutjchen Unterricht jtellen- weile zum Vergleich beigezogen. Der mittelhochdeutjche Unterricht wird auch die charafteritiichen Unterjchiede der mittelhochdeutjchen und neuhochdeutjchen Sprache aufzeigen. Weber den mittelhoch- deutjchen Unterricht jelbjt haben Böhme (Lehrproben und Yehrgänge 32. Heft) und befonders Oberlehrer Schmidt in Schwerin (ebenda, 34. Heft) ausgezeichnete Winke gegeben. Dtfrieds Evangelienbuch gibt Anlaß, des Endreimes im Gegenſatz zu dem bisher üblichen Stabreim zu erwähnen. Hier wird auch auf die Verfuche der neueren Zeit, den Stabreim wieder zu einem weſentlichen Weittel der Poeſie zu erheben, kurz hingewiejen. Bet der höfifchen Epit ift auch der den Schülern von Uhland her jchon bekannten kurzen Reimpaare zu gedenken, ebenfo beim Nibelungenlied der neuhoch

24 N. Brunner, Piteraturkunde und Piteraturgefhichte in dev Schule.

deutjchen Nachahmungen der Vibelungenjtrophe im iambiſchen Metrum und in Mecentverjen, ſowie des viel gebrauchten Hilde- brandstones. Endlich iſt Opitz als Begründer der neuen Metrif zu würdigen.

Der Beiprechung Shafejpeares hat Lehmann eine Stelle hinter Hans Sachs angewiejen, da er die künſtleriſche Berjchmelzung von Nenaifjancebildung und volfstinnlichem Gehalt zeigt.

Daß vor allem Goethe und Schiller eine ausführlichere Behandlung zu teil werden muß, wid niemand leugnen. Eine fichere Unterlage bietet hier vor allem die eigene Lektüre des Schülers. Aber die diefem noch nicht befannten Werke legen dem Vehrer auch bei Goethe eine bejonnene Zurückhaltung auf. Er bleibe fich bewußt, daß es pädagogischer iſt, für die noch nicht gelefenen Werke Intereſſe zu erwecken als fertige Urteile zu über- mitteln und beim Schüler ein jchädliches Scheinwiſſen zu erwecken.

Nicht belanglos ift auch die Frage ſie drängt fich gerade bei Goethe auf inwieweit die Schule die Ergebnifje der Quellen- forschung benüßen joll.

Indem wir einen Unterſchied zwiſchen den verjchiedenen Quellen machen, ergänzen wir im folgenden zugleich das über die Lektüre der Dramen und der lyriſchen Gedichte bereits Geſagte. Es ſcheint uns von großem Belang fir die Auffaſſung und das genaue Verſtändnis der hiftorifchen Dramen, den Rohjtoff, aus dem der Dichter fein Gebilde jchuf, eingehend zu betrachten, ihn gleich- jam in ſeiner Werkftätte zu belaufchen und zu verfolgen, mit welchem Geſchick ex das Ungeeignete entfernte, wie er Homogenes zuſammenſchmolz und, ganz neue Gejtalten jchaffend, wirkſame Stontrajte hervorzauberte. In diefer Beziehung liefert die Be- twachtung der Quellen zu Maria Stuart, Wallenjtein, Egmont ungemein belehrendes Material. ber abgejchen davon, daß der Lehrer im Intereſſe des äſthetiſchen Berftändnifjes auf Borführung des wichtigſten Quellenjtoffes nicht verzichten darf, wird er jchon durch die Rückſicht auf die Hiftorifche Wahrheit und die im Gejchichtsunterricht vorgetragenen gejchichtlichen Thatjachen förmlich gezwungen, an den Quellen des Dichters nicht vorüberzugehen und

A. Brunner, Piteraturkunde und Piteraturgefchichte in der Schule. 25

den Unterjchied zwischen den hiftorischen Thatfachen und der dichte: tischen Geſtaltung aufzudeden.) Daß die Zeitgejchichte helles Picht auf manche Dramen wirft, ijt oben fchon angedeutet worden. Anders Schon ſteht es mit den Goethejchen Dramen Iphigenie und Taſſo. Hier jind die Nejultate der Forschung unficher, und wenn ſie e8 nicht wären, jo würde gleichwohl kaum abzujehen fein, welch bildenden Ertrag die Rückwandlung Fphigeniens in Frau von Stein liefern follte. (Vgl. Lehmann, „Der deutfche Unterricht" ©. 272). Eine gelegentliche, geichieft angebrachte Bemerkung mag immerhin den vermutlichen Zuſammenhang zwiſchen Dichtung und Yeben andeuten, aber als didaktisch weſentlich jollen derlei Fingerzeige nicht erjcheinen. Berjchonen wir überhaupt unfere Schüler mit den jubtilen Forſchungen der Goethephilologie! Unſere Jugend, die die Gymnaſien befucht, it für fie noch nicht veif und braucht es noch nicht zu fein. Der ganze Goethe iſt ja überhaupt fein Dichter für achtzehnjährige Sünglinge, jo wenig wie der ganze Horatius. Halbverjtandene Mitteilungen führen aber gerade am leichteften zu einer Verkennung des Dichters. Dies mögen jene bedenken, die ganz auf dem Boden Hermann Grimms jtehen. Die- jenigen aber, die fich zu deſſen Auffaffung nicht bekennen, und wir geftehen offen, zu diefen zu gehören mögen fich hüten, ihren Sfeptizismus in die Schule hineinzutvagen und etwa gar durch häßliche Polemik die Goethes Werfen getvidmeten Stunden zu entweihen.

Von den Iyrischen Gedichten kann manches eine willkommene Illuſtration eines Pebensverhältniffes Goethes geben nur diejer ja fommt wohl in Betracht, im ganzen aber wird man es auch hiev vermeiden, didaktisch unfwuchtbare und noch dazu vielfach unfichere Mitteilungen über den Zuſammenhang der Gedichte mit dem Leben des Dichters zu machen; mit vollem echt be merkt Lehmann (a. a. D. ©. 274), „daß wir uns in der Schule nicht mit den Werfen des Dichters um feiner Perſon willen,

1) Für die Quellen einzelner Dramen vergl. Yandmwehrs „Dichterifche Seftalten in hiftorifcher Treue“,

26 U. Brunner, Piteraturfunde und Piteraturgefchichte in der Schule.

jondern mit feiner Perſon um jeiner Werfe willen zu bejchäftigen haben; denn Goethes Wirkung auf die Jugend werde immer mehr von jeinen Dichtungen als von jeiner PVerjönlichfeit ausgehen." Das jchließt freilich nicht aus, daß jein Lebensgang wie der anderer Dichter gejchildert wird; es ijt die wegen der innigen Beziehungen zwijchen dem Leben und den Werfen Goethes jogar eine unabweisbare Forderung; aber nur in großen Zügen darf diefer Zujammenhang erörtert werden, weil er nur innerhalb gewiſſer Grenzen und bis zu einen gewiljen Grade für die Jugend faßbar iſt. Die Jugendzeit des Dichters, die Eindrücke des franzöfifierenden Leipzig, Herders Einfluß und infolge deſſen Shafejpeares Wirfung auf den Dichter, die Bedeutung Leſſings für Goetheſche Dichtung, die folgenreiche italienische Reife, das jcheinen wichtige Nichtpunfte für die Biographie Goethes, um jo wichtiger, als der Dichter die Ereigniffe und Erlebnifje jelbjt Ichildert; das jpätere Yeben Goethes kann den an Yebenserfahrungen noch armen Schüler nicht jo feffeln wie die Schilderung des mit äußerem Zwang, mit des Lebens Not und des Yeibes Schwäche fümpfenden Schiller, deſſen Biographie auf den Jüngling nicht nur ergreifender, jondern auch weit mehr erziehend zu wirken vermag.

Wie weit joll die Yiteraturgejchichte fortgeführt werden ? Nur bis zu Goethes Tod oder bis zur Gegenwart? Unbedingt nötig jcheint uns, daß die große Bedeutung, welche die Roman— tifer allerdings nicht als Dichter hatten, den Schülern einiger- maßen begreiflich gemacht werden muß; ihre Wirkſamkeit fällt freilich in Goethes Yebenszeit, aber da die Pehrbücher die voman- tiſche Schule meijtens in einem auf Goethe folgenden Abjchnitt behandeln, jo jcheint es am Plate, darauf hinzuweifen, daß die Romantiker einen Teil ſchulmäßiger Behandlung bilden müffen. Was weiter geboten werden joll, ift nicht leicht zu jagen; jeden- falls aber ijt jener Dichter zu gedenken, von welchen die Schüler ſchon in früheren Jahren Dichtungen kennen gelernt haben. Nicht zu übergehen find deshalb vor allem Uhland und der Dichter der Befreiungsfriege, ferner Chamifjo, Eichendorff, Gujtav Schwab,

A. Brunner, Piteraturfunde und Piteraturgefchichte in der Schule. 27

Kerner, Hoffmann von Fallersleben, Freiligrath, Seibel. Aber auch noch andere Dichter werden in den Kreis der Beiprechung zu ziehen fein, diejenigen nämlich, deren Werfe den Schülern teilweife durch Brivatleftüre befannt geworden, oder die da oder dort beim Unterricht erwähnt wurden, und endlich jene, mit denen jich für die Zukunft eine nähere Bekanntſchaft lohnt, z. B. Srillparzer, Stifter, Wilhelm Hauff, Viktor Scheffel, Guſtav Freytag. Dafür, daf die Bejprechung nicht in eine bloße Auf- zählung ausartet, jondern die Charafterijtif der einzelnen Dichter teils aus dem Gelejenen gewonnen, teils ergänzt wird, hat die Einficht des Vehrers zu jorgen. Beſondere Kenntnifje und be- jonderen Takt jeßt der Verſuch voraus, die allerneuejte Piteratur in der Schule zu erwähnen. Nicht jeder Yehrer darf ich dies getrauen. Außerdem vergefje man auch nicht, daß jelbjt örtliche Berhältnifje von entjcheidender Wichtigkeit find. Wo Daritellungen guter oder gar hervorragender Bühnen auf die Schüler wirfen und ſie mit den neuejten Grjcheinungen des Dramas befannt machen, wo ein geijtig anregender Berfehr auch in den Familien herrjcht, da kann ſich der Unterricht in mancher Beziehung ganz anders gejtalten als in fleinen Städten, deren Schüler nie eine Bühne gejehen und jelten ein Buch, das nicht ein Lehrbuch tft oder der dürftigen Schülerbibliothef angehört. Unter allen Um— jtänden aber jet der Lehrer jtets eingedenf, daß er, wenn er etwa gar von Ibſen ſpricht, nicht mehr Piteraturgejchichte lehrt, ſondern über einen Dichter redet, der ein Meitlebender ijt und fich der objektiven Betrachtung mehr oder weniger entzieht, alfo Anspruch darauf hat, daß der Lehrer fein Urteil über ihn den Schülern nicht aufdränge.

Wir hoffen, durch unfere Auseinanderjeßungen den Beweis erbracht zu haben, daß die Errungenschaften der Forſcher auf dem Gebiete der Yiteraturgefchichte jeit mehr als zwei Dezennien durch die Schule immer mehr Gemeingut des edleren Teiles des Volkes wird, zwar feine notwendige Borausjegung des Nußens wiſſen— Ichaftlicher Arbeit, aber doch eine ſchöne Frucht derjelben. Wie die Löſung eines Problems dem afademifchen Lehrer der Medizin nicht

28 X. Brunner, Piteraturkunde und Piteraturgefchichte in der Schule.

nur die Freude des Forſchens gewährt, jondern in ihm auch das erhebende Gefühl erweckt, daß er durch ein glückliches sdonza der leiblichen Not der Menfchheit Abhilfe jchafft, jo mag jeßt auf den wiſſenſchaftlichen Vertreter der Piteraturgejchichte auch der Gedanke ermunternd und begeifternd twirfen, daß feine Worte nicht in dem Hörjaal verhallen, jondern durch die Jünger dev Wiſſenſchaft hinaus— tönen ins ganze weite Pand und dazu beitragen, in die Seelen unjerer Jugend den Geijt der Edelſten ihrer Nation zu gießen und fie jo mit idealen Geſinnungen zu erfüllen.

Mögen aber auch die Lehrer der Hochjchulen, denen die Bedürfniffe der Mittelfchulen ferner liegen, es nicht verfchmähen, ji) mit dem durch die Natur der Schüler und die Bejtimmung der mittleren Lehranſtalten gebotenen Unterrichtsbetrieb befannt zu machen zum Wohle der fünftigen Lehrer und der Jugend jelbft! Wiſſenſchaft und Schule, Theorie und Praxis müfjen fich notwendig ergänzen, wenn die allgemeine Bildung, die geijtige Förderung unjerer Jugend in Frage fommt. Wir wünſchten deshalb auch, daß dem bayerischen Oberjten Schulvat ein Germaniſt und ein Hijtorifer beigegeben werde, nicht als ob wir glaubten, daß diefe für die ſchulmäßige Behandlung ihres Faches die rechten Wege weijen fönnten, jondern weil wir meinen, daß durch den Ideenaustauſch der Vertreter der reinen Wiffenjchaft mit den Männern der Praxis Vorteile für unfere Schulen erwachſen würden; die einen fünnten anregend wirken, die anderen zu Hoch gejpannte Forderungen mäßigen und auf das Erreichhare zurückführen.

Wir haben in unferer Betrachtung nur den Unterrichtsbetrieb derjenigen Lehranftalten berücfichtigt, die wir aus eigener Anjchauung und Erfahrung genauer fennen. Hoffen wir, daß ein anderer das Bild von dem Unterricht in der deutschen Literatur an den deutjchen Mittelfchulen ergänze, namentlich auch durch Mitteilungen über den deutjchen Unterricht an den Mädchenschulen !

A. Hanffen, Das Volkslied von den zwei Gefpielert. 29

Dus Volkslied von den zwei Gefpielen,

Bon Adolf Dauffen in Prag.

Das Yied von den zwei Gejpielen ift uns in der ältejten deutjchen volljtandigen Faſſung A aus dem Jahre 1582 in dem jogenannten Ambrajer Liederbuch Wr. 53 (Herausgegeben von Bergmann im Stuttgarter Yitterarifchen Verein 12, 46 f.) erhalten. Seine Ent- jtehung muß aber für eine viel frühere Zeit angenommen werden. Das beweien uns: 1. Ein Bruchjtüd unjeres Liedes aus dem Sahre 1576 C, das durch feine Abweichungen von A auf mehrere verloren gegangene Zwijchenglieder und ein älteres gemeinjames Vorbild jchließen laßt. 2. Ein geiftliches Yied aus dem Jahre 1589 (Uhland, Schriften 4, 120) mit der Bemerfung: „In dem thon: Es giengend zwo gejpilen quot, wol vber ein gruene Heyde.“ Solche Melodien- angaben bezogen jich natürlich immer auf ältere allgemein befannte Lieder. 3. Die äußere Situation, die Unterredung zweier Mädchen, die, wie Uhland gezeigt hat (Schriften 3, 405—409, 490 f.; 4 120 f.), in der mittelalterlichen Dichtung, namentlich bei den jüngeren Minneſängern jehr häufig ift.

In unferem Yiede num werden (jo viel mir befannt ift zum erjten male) die beiden Gejpielen als veiche und arme Braut in Gegen- jaß gebracht. Im wejentlichen hat A folgenden Inhalt: Ein Yüngling wird don zwei Mädchen geliebt. Er wählt fich die Arme, die jchon (jäuberlich) und zugleich brav iſt; denn ex erwartet ſich fleigige Mit— arbeit von ihr (7,3 f.). Er verjchmäht die Neiche, die nicht ſchön iſt (fie wird ja zur „jäuberlichen“ in Gegenſatz gebracht) und die nicht brav iſt; denn er befürchtet, daß fie ihr Gut verzehren werde (7, 1). Er liebt die Arme, denn ex will jie nicht betrüben (6, 2) und verjpricht ihr ewige Treue (10, 4 „von div will ich nicht wenden“), während er die Neiche allenfalls nur des Geldes wegen genommen hätte; mit dem Schwinden des Gutes, jo jagt ex jelbjt (7, 1 f.), hätte auch die Liebe ein Ende.

In allen Safjungen unſeres Liedes und außerdem in mehreren Gruppen verwandter deutſcher Volkslieder wird, was ich unten näher ausführen will, mit derſelben demokratischen Tendenz gegen das veiche Mädchen Stellung genommen.

30 N. Hauffen, Das Volkslied von den zwei Gefpielen.

Früher als in Deutjchland ift Text und Melodie des Liedes von den zwei Gejpielen im Niederländijchen nachgewiejen: die Ein- gangszeilen und eine Melodie beveits in Handſchriften des 15. Jahr— hunderts, eine zweite Melodie aus dem jahre 1540 (Uhland, Schriften 4, 120 f.), der ganze niederländijche Text B im Antwerpener Lieder- buch aus dem Jahre 1544, Nr. 162, Hoffmann von Fallersleben, Horae Belgicae 11, 242 f.,!) B jtimmt in den meiften Strophen völlig mit A überein, abgejehen natürlich von der verjchiedenen Mund— art, es enthält aber eine wichtige Strophe, die in A zwijchen Strophe 4 und 5 ausgefallen ift. Das arme Mädchen weift den Antrag der Reichen Fraftig zurück.

Och dijnen broeder en wil ic niet, och dijns vaders goet cen deele, Je hebbe veel lieuer mijn joete lief, Dan jilner oft root qulden.

Dieje Aeußerung treuer Yiebe erleichtert natürlich dem laujchenden Jüngling die Qual der Wahl. Sie ift in A nur zufällig ausgefallen, denn jie fehlt nicht im den jpäteren deutjchen Texten (2 umd 7):

Deinen Bruder, den mag ich nicht och Baters Gut zum Theile,

Ich will nicht Silber und feines Gold, Will meinen Schaß alleine.

Das niederländifche Yied hat ferner eine neue Eingangsitrophe, zwei ganz allgemein gehaltene Schlußftrophen (für A 9— 11), Die nicht organisch zum Yiede gehören, und es fehlt ihm die unentbehrliche Strophe A 5°).

Der älteren Aufzeichnung wegen hat Willens PR für ein ur- jprünglich niederländijches Yied und A für eine Ueberſetzung gehalten. Doch jpricht dagegen die außerordentliche Verbreitung diejes Yiedes über ganz Deutjchland und außerdem verjegt gerade die Eingangs— jtrophe von B die Handlung nach Wittenberg. Endlich ijt uns, wie jchon erwähnt, aus dem Jahre 1576 ein deutjches Bruchſtück C unjeres Liedes überliefert (mitgeteilt von W. Büttner in Epitome Historiarum, Bl. 334, vgl. Erks Viederhort 1, 250), das neben wörtlichen Ueberein- jtimmungen mit A und B anderfeits von beiden jo jehr abweicht, daß

!) Die Terte A und B mit ftarfen Menderungen in Erks deutſchem Liederhort herausgegeben von Böhme, Wr. TOb und 70a.

?) Nach dem Borbild von A haben die neueren Herausgeber Willens, Dude Blaemſche Liederen Nr. 57 und Hoffmann von Yallersieben, Horae Belgieae 2? Wr. 66 eine ähnliche Strophe eingefügt.

A. Hauffen, Das Volkslied von den zwei Gefpielen. 31

wir daraus auf einen älteren Stammbaum und eine veichere Ver— äftelung unjeres Textes auf deutjchem Boden jchliegen müfjen. In ift dev Gegenjaß zwijchen den beiden Gejpielen (zu Ungunjten der Reichen) fehärfer betont. Die Arme wird bezeichnet als: „ehrenveich“, als „jäuberlich, Fromm und fein“. Von der Neichen hingegen, der alle diefe Tugenden fehlen, erwartet der Jüngling, daß fie jchmollen und zannen (feifen) und ihm vorwerfen würde, ev ſei nicht ihresgleichen.

Ein weiteres Bruchjtüct D, mur den Anfang: das Gejpräd der beiden Mädchen enthaltend, ift in des Stnaben Wunderhorn (3, 18) aufgezeichnet.) Das vollftändige Yied von den zwei Gejpielen, in den wichtigften Punkten mit A übereinftimmend, ift noch heute im ver- ichiedenen deutfchen Yandfchaften lebendig. Hoffmann von Fallersleben hat es nach dem Volksmund bei Breslau aufgezeichnet (Hoffmann und Richter, Schlefische Voltslieder Ar. 17) E, Erf bei Yiegnig (Erks Liederhort Nr. 70e) F.?) Die beiden jchlefiichen Yieder (von einander mur wenig abweichend) haben im bewundernswerter Treue den alten Wortlaut von A bewahrt. Sie enthalten aber die oben erwähnte Strophe von B und weichen am Schluffe von A ab. Die beiden, Geſpielen werden hier nur als Neich und Arm in Gegenjag gebracht. Der Küngling unterdrücdt nicht feine Bedenken vor der endgiltigen Entſchließung (fin A 6, 3 f.):

Wend ich mich zu dev Armen Da geht's, daß Gott erbarme.

Doch durch Fleiß hofft ev auch an der Seite der Armen jeinen Unterhalt zu finden und tröftet jich mit dev Erwägung, daß ev am Geld der Neichen ja gar feinen Anteil hätte:

Wenn die Neiche einen Thaler hat,

So verzehrt fie ihn ganz alleine.

Und wenn die Arme einen Grojchen hat, So thut jie ihn mit mir teilen.

Diefe Schlußftrophe von Z jteht für A 8—11.

Neben dieſen aus dem mittleren und nördlichen Deutjchland Itammenden Faſſungen der „Zwei Gejpielen“ gibt es drei oberdeutjche Lieder des gleichen Inhalts, die dejto mehr von dem alten Text

1) Das Gejpräh der Mädchen, mit der Ermeiterung, daß fie um den Geliebten lojen und die Arme ihn gewinnt, finden wir in einem wendiſchen Yiede, Haupt und Schmaler 1, 105.

2) A, E und D find noch einmal abgedrudt bei Mittler, deutjche Volks— lieder Nr. 140— 142. Simrod (Deutfche Volkslieder Nr. 58) hat aus A, Bund E einen neuen Tert gemacht.

32 A. Hauffen, Das Volkslied von den zwei Gefpielen.

abweichen, je tiefer im Süden jie heimijch find. Während die jchon erwähnten Lieder in dem alten volfstiimlichen Stil mit einem Fleinen Begebnis, einer flüchtigen Zeichnung des Hintergrundes beginnen: „Es giengen zwei Gejpielen gut, wohl über eine grüne Wieje“ und die verjchiedene Yebenstellung der beiden Mädchen erſt im zweiten - Teil mehr oder minder deutlich bezeichnen, plagen die jüddeutjchen Lieder mit diejer Eröffnung unmittelbar heraus. Alle drei haben die Eingangsverſe:

Es waren (einmal) zwei Geſpielen,

Eine Reiche und eine Arme.

Das iſt natürlich eine Vergröberung der älteren reizvolleren, nur zart andeutenden Weile. Alm nächjten dem Wortlaut von A ımd E jteht das jchwäbische Yied von den zwei Geſpielen @ (Meier, Schwäbijche Bolfslieder, 573 f.). Es iſt nur fnapper gefaßt, hat mehrere Strophen fallen lafjen und mehrmals > ältere Strophen zu einer zufammen- gezogen. So fir EA und 5

„Wein nicht, wein nicht Ge- „OD den mag ich nicht, jpielchen mein, Noch 2 Vaters Gut zum Teile. Ach, weine nicht jo jehre! ‚sch will nicht Silber und feines

Ich will div geben den Bruder mein, Gold, Und Baters Gut zu Teile.“ Will meinen Schab alleine.“

in G nur eine Strophe: „sch will div geben meinen jüngjten Bruder, Meins Vaters jein Gütle zum Teile!“ „Und wenn du mir Silber und votes Gold gäbeſt, Sp ift mir der Knab nicht feile.“

Der r Jüngling entſchließt ſich auch hier für die Arme, auf Gottes Hilfe vertrauend. In G@ kann man beobachten, was auch ſonſt nach weisbar ill, daß die Worte eines Liedes, als etwas außerliches, treuer im Gedächtnijje des Volkes haften, als der Sinn. Aeltere Ausdrüce und Reimpaare werden beibehalten, jelbjt wenn der Sinn der betreffenden Strophe ein anderer wird. In Z und F heikt es: Wend ich mich zu der Armen, Da gehts, daß Gott erbarme! und in @ mit denjelben Worten, aber anderer Bedeutung: Und wag ich's mit der Armen, So wird fich Gott erbarmen; Gott ernährt manchen Bogel in der Yuft Sr wird uns auch ernähren.

A. Hauffen, Das Bolkslied von den zwei Gefpielen. 33

Am fürzejten die Geſchichte von den zwei Geſpielen ein Lied aus dem Berner Oberland 47 (Tobler, Schweizeriſche Volks— lieder 2, 187; Erks Viederhort Ir. 704). Es hat neum: zweizeilige Strophen, mit einem ‚gar nicht dazu pafjenden, wahrjcheinlich nebjt der Melodie von einem fremden Yiede herübergenommenen Kehrreim („Hoff man zue, laß numme ga“). In dieſer Schweizer Faſſung, m der auch noch einzelne Verſe wörtlich mit 4 übereinſtimmen, wägt der Jüngling die Vor- und Nachteile der beiden. Mädchen ab: die Arme iſt hübſch und fein, fie kann wacker jpinnen, hingegen:

Die Nichi ißt keis Haberbrot Und geit nit gern a d'Sunne.

Sie ift aljo verwöhnt und brächte ihm in dev Wirtfchaft wenig Nutzen. Diejes Motiv, die Vorzüge der Armen und die Fehler der Reichen gegeneinander abzuwägen, mag wohl in mehreren verloren:ge- gangenen Faſſungen unjeres Yiedes ausgeführt eo jein.’ Breiter ausgejponnen finden wir es in dem: Gottſcheer Liede I (Hauffen, Die deutjche Sprachinjel Gottjchee Ir. 115), das von A volljtändig ab— weicht, mit 4 abgejehen von dem ſchon erwähnten ‚gleichen: Eingang mehrfach zuſammentrifft. Nach I ift die Arme gewöhnt ii. der heißen Sonne zu jäten, Hirſebrot zu eſſen, Wafjer zu trinken; die reiche hingegen: im fühlen Schatten zu vajten, feines Weizenbrot zu ejjen und Wein zu trinken. Und während in den übrigen. Yiedern der Jüngling mm die Bermutung ausjpricht, daß ex mit der: Armen glücklich leben würde, , und daß ihm die Weiche das Gut raſch ver- thun wide (A—C), wird in J der Verjuch mit dem evwarteten Er— folge wirklich durchgeführt. Der Yüngling heiratet die Arme, lebt mit ihr glücklich fieben Jahre; nach ihrem Tode heiratet er die Neiche, und dieſe verpraßt ihm Alles in einem Jahre.!) : Hiemit hätte ich eigentlich meine Aufgabe erfüllt, wenn mich nicht Euphorions Wahljpruch beftimmte, höher. aufzufteigen und weiter auszujchauen und auch andere Gruppen von Bolfsliedein: zu betrachten, die unjer Motiv von der Armen und der Neichen mit Kuuder Ten- denz behandeln. Da wäre zunächſt das Yied von der armen Braut, das in Schwaben (Meier, a. a. D. 349 f.) und mit einigen Kürzungen im Elſaß (Mündel, Elſäſſiſche Volkslieder Nr. 11) in neuerer Zeit aufgezeichnet wurde. Ein Bauernjohn hat einem armen Mädchen, das er liebt, die Ehe verſprochen. Inzwiſchen trifft ev ein reiches Mäd—

Dieſe Wendung bejchließt auch ein fteirifches Lied anderen Inhalts (Schloſſar, Deutiche Wolfstieder aus Steiermark Nr. 299). Eim Mann, froh über den Tod jeiner alten Frau, heiratet eine Junge, Doch dieſe vertrinkt alle Erſparniſſe der Alten.

Euphorion II. 3

34 N. Hauffen, Das Volkslied von den zwei Gefpielen.

chen, das er des Geldes wegen lieber hätte. Die Reiche gibt ihm den böjen Nat, die arme Braut zu vergiften. Der Bauernjohn läßt fich überreden, vergiftet und vergräbt jeine Braut; doch der Mord bleibt nicht verjchwiegen; und fommt (das wird als jelbjtverjtändlich nicht ausdrüclich gejagt) vor den Richter. Das Lied jchliegt mit dem Seufzer des Mörders:

Berflucht jei alles Geld und Gut, Das in der Welt florirn (regirn) thut, Hätt' ich meine Arme behalten !

Biel verbreiteter ift das Lied vom Genügjamen, das in älterer Form aus dev Mitte des 18. Jahrhunderts belegt iſt (Erks Yieder- hort Nr. 554b) und das heute am Niederrhein, im Elſaß, in Franken, Schlefien, Schwaben, in der Schweiz und anderwärts fajt gleich- lautend gejungen wird.!) Einem Jüngling vaten der Water (oder die Mutter), ex jolle fich eine veiche Braut wählen, die brav Silber und Gold habe. Doch der Genügjame will lieber in der größten Armut leben, als jein unbegütertes Schägchen verlajjen. An ihrer Seite jei er jeelenvergnügt, Neichtum bringe feine Ehre, Armut feine Schande. Mit einer frommen Wendung jchließt dieſes anjpruchsloje Liedchen. Verwandt damit find zwei Yieder aus dem Yahnkreife vom treuen Yiebhaber (Erks Yiederhort Nr. 447f und 447e). Seine Eltern (oder Freunde) wünjchen, daß er eine Weiche. freie, die viel Silber und Gold habe. Er. aber verfichert jeiner Geliebten, daß er nad Neichtum und Geld nichts frage, ev nehme fie, weil fie ihm gefalle.

Nur zum Teil in unferen Zufammenhang gehört das jcherzhafte Yied von den Ehejtandsbedenfen. in Junggeſell beſchließt ledig zu bleiben, weil ihm fein Mädchen, wie er meint, die Gewähr dauernden Glückes bietet. Wählt ev eine Schöne, jo wird fie ihm untreu, wählt er eine Junge, jo will ſie nur Vergnügen haben und fümmert fich nicht um die Wirtjchaft, vor einer Alten oder Häßlichen graut ihm, nimmt er eine Arme, jo fehlt es bald an dem Nötigften und:

rei ich mir dann ein’ Neiche,

Gleich wie ich gerne thät,

Die möcht fich viel wumftreichen, [Sie ift nicht meines Gleichen] Was fie für Gelder hätt. [Sie hat 'nen ftolzen Mut.)

So hieß es Tag und Wacht:

„Hab’ dich zum Mann gemacht,

) Simrod Nr. 167; Mündel Nr. 92; Ditfurth, Fränkiſche Volkslieder 2, Mr. 94; Hoffmann, Schlefifche Volkslieder Nr. 156; Meier 104; Tobler 1, 136; Erfs Liederhort Wr. 555.

A. Hauffen, Das Bolfslied von den zwei Gefpielen. 35

Du Lumpenhund, du Prahler, Du haft feinen halben Thaler Zu mir ins Haus gebracht!“

Diefes Lied muß bei Hageftolzen jehr beliebt jein, denn es wird noch heute in verjchiedenen längeren oder kürzeren Verſionen in Preußen, Schlejien, den ganzen Rhein entlang, im Elſaß und in Gottſchee gejungen.!)

Für ich allein jteht ein ſächſiſches Yied, (Mittler Nr. 771), worin ein Süngling einem hübjchen, armen Mädchen jagt, er wide fie nehmen, wenn fie nur ein bischen veicher wäre. Sie fertigt ihn fräftig ab. Es jei ein Yafter nach großem Gut zu freien, nur mit jeines Gleichen lebe man glücklich,

„Freit ihr nach einer reichen, So jeid ihr doch nur Knecht.“

Berührt wird unfer Thema wiederholt in anderen Liedern ver- jchiedenen Inhalts. In einem thüringijchen Liede (Erks Liederhort Nr. 521) droht das verlaffene arme Mädchen dem treulojen Geliebten, daß auch jeine veiche Braut arm werden könne; mit der Reichen fünne es ihm noch ergehen, „daß Gott erbarm.“ Im einem jchlefifchen Yiede (Erf Nr. 565) klagt ein Mädchen, daß die Freier auf Geld jtatt auf Tugend jehen, umd ein Abjchiedslied aus dem 16. Jahrhundert (Erf Nr. 495) betont, daß man

Reichtum und auch Schöne Adelig und Frumm

jelten bei einander finde. ?)

Auch die Schnaderhüpfeln, die in ihrer zugejpigten Form Lebens— wahrheiten eindrücklich und urwüchſig vortragen, haben jich mit diejen Motiv von der armen und hübjchen, der reichen und unſchönen Braut gerne bejchäftigt. Weit und breit befannt find die nachjtehenden Vier- zeiler aus Wejtböhmen?) und aus Oberfärnten:?)

1) Erks Liederhort Nr. 864; Hoffmann, a. a. DO. Wr. 95 und 184; Zurmüblen, Niederrheinifche Voltslieder Nr. 86; Mündel Nr. 231 f.; Hauffen, Nr. 116 u. a.

?) Hiebei erinnere ich mich eines Wites in den „Fliegenden Blättern“ mit der Ueberſchrift Macht der Gewohnheit: A. „Sehn Sie mal die Dame drüben, die befommt eine halbe Million zur Mitgift.“ B. „Nicht möglich, die it doch wunderſchön!“

3) Hruſchka und Toiſcher, Deutſche Volkslieder aus Böhmen, S. 286 Nr. 127a. Parallelen dazu ſind verzeichnet ©. 516.

) Pogatſchnigg und Hermann, Deutſche Volkslieder aus Kärnten, 1, Nr. 312 und Hruſchka a. a. DO. Nr. 127b,

3*

36 A. Hauffen, Das Volkslied von den zwei Gejpielent.

Man Schagerl is hübjch, und Das Diendl iS chen,

Dmwa reich is jie neat. Aber reich iS es nit. Was ho ih van Neichtum, Was mußt mi das Geld, S' Gold ſchmatz ih neat. Dan Geld jchlaft ma nit.

Wiederholt verjichern die jingenden Burjchen, daß fie ihr Mädchen troß ihrer Armut gerne nehmen werden. Du Schagerl du flans, und Mir is nix um'n Neichtum,

Haft a Haus oder fans, Dir is nix um's Gel. Haft a Geld oder net, Und a liebs feins Herzel, Laſſen thue i di net. Is miv’s Liebſte af der Welt. ')

Dei einer Neichen hat die Sache meist irgend einen Hafen. 3. B. S Dirndl friegt a Heivatsguet, und Wenn d' Houfeiſ'n jchlecht jan,

Dos war mir jchon vecht, Dan günga d' Pferd frumm; ur nit fropfet wenns war, Die reihen Maidla jan ja Daß ih's heiraten möcht! ?) 5 majt allajam dumm. ?)

© Dirndl is ſakriſch ſtolz Mit ihrem Geld,

Wenn ihr glei im Köpferl Der Spiritus fehlt.*)

Aus allen diefen Beijpielen geht es hervor, daß das deutjche Volfslied für das arme Mädchen Partei ergreift und gegen das veiche Mädchen nachdrüdlich Stellung nimmt. Die Arme wird als jchon, ehrenreich, brav, fleißig, jparjam bezeichnet. Sie it dazu auserjehen den Mann zu beglücten und jeiner Wirtjchaft Segen zu bringen. Die Reiche hingegen ijt weder jchön, noch brav. Sie ift verwöhnt und verjchwenderijch, zänfijch und Lieblos, dumm, für die Wirtjchaft unbrauch— bay, je hält ihren Mann immer ihr Geld vor und erniedrigt ihn zum Knecht, ja in dev zweiten Gruppe der bejprochenen Yieder ift jie jogar eine Giftmiſcherin. Immer wird es ferner in den Yiedern betont, daß der Jüngling die Arme aus Yiebe heiratet, daß er bereit iſt ihret- halben auf äußeres Glück zu verzichten, während es als jelbjtver- jtändlich gilt, daß man die Neiche mur des Geldes wegen, nur auf Wunfch der Eltern, niemals aus Yiebe nimmt.

Dieje einjeitige Auffafjung ift ſehr auffällig, läßt fich aber aus den gejellichaftlichen Zuſtänden unjeres Yandvolfes erklären. Denn

) Pogatſchnigg a. a. DO. Nr. 809 und 313, vgl. das oben erwähnte Lied, Erf Nr. 447 f. und Erf Wer. 666 und 713»,

2) Hrujchfa a. a. O. ©. 288, Nr. 145.

>, Ebenda, ©. 307, Nr. 318.

*, Ebenda, ©. 306, Wer. 316,

A. Hauffen, Das Volkslied von den zwei Gefpielen. Bu

in bäuerlichen Streifen jpielen ja durchwegs die vorgeführten Yieder. Auf dem Yande gibt es Yiebesehen nur unter den Befiglojen.!) Der Stnecht wählt jich eine Magd, die ihm gefällt, ev geht mit ihr einen innigeren Bund ein und heiratet, jobald es ihm die äußeren Verhält- nifje gejtatten. In den Streifen der bejigenden Bauern aber fennt man nur Stonvenienz- das heißt Geldheiraten, die vorerst ohne Vor— wifjen der Kinder von den beiderjeitigen Eltern bejchloffen werden. Die Stinder befolgen zumeift den Wunſch der Eltern ; jeltener verweigern fie den Gehorjam, dann fommt es zu jenen in Dorferzählungen und Volksſtücken Hundertfach behandelten tragischen Stonfliften. Da es üblich ift, daß der Erbe eines Bauernhofes ein dem Bermögen nach möglicht ebenbürtiges Mädchen aus derjelben oder einer Nachbargemeinde heiratet, jo ift die Zahl der für ihn überhaupt in Betracht fommenden Mädchen meijt noch bejchranfter, als für den Erben einer Krone. Es iſt aljo nur Zufall, wenn ev gerade eine von den. wenigen „Möglichen“ Lieben würde. Darum fam es und fommt es bei den bäuerlichen Befigern thatjächlich jehr jelten vor, daß ein reiches Mädchen aus Liebe geheiratet wird. In der Regel hat ſogar deren Bräutigam vor der Verlobung ein anderes nicht ebenbürtiges Mädchen geliebt, das er dann dem Willen der Eltern und ſeinem eigenen Standesſtolz aufopfert. Aus dieſen Erwägungen erſcheint es begreiflich, daß die Volkslieder, die als echte Poeſie immer für die Rechte des Herzens eintreten und die in demokratiſch geſinnten Kreiſen entſtanden ſind, das arme Mädchen über das reiche erheben und dem reichen Mädchen allgemein Untugenden zuſchreiben, die ihm nur in einzelnen Fällen wirklich zukommen. Dieſen kleinen Ausſchnitt könnte man leicht abrunden, und es wäre eine hübſche Aufgabe, aus unſeren alten und neuen Volksliedern ein Kulturbild des bäuerlichen Lebens zu zeichnen. Bolte hat in ſeiner Sammlung: „Der Bauer im deutſchen Liede“ einen verdienſtlichen Anfang dazu gemacht. Er hat aber in den mitgeteilten Texten, jo wie in dem angehängten überaus reichhaltigen Verzeichnis zumeift nur jene Yieder zujammengeftellt, in denen der Bauernjtand ausdrücklich mit Namen genannt ift. Doch jchildert darüber hinaus die Mehrheit unferer Iyrifchen VBolfslieder ländliche Berhältnijje, und ſie müßten alle zu dem bezeichneten Zweck herangezogen werden. Aus einer jolchen fulturgejchichtlichen Arbeit würde man auch erjehen, wie fon jervativ unfer Yandvolf ift und wie nicht nur jeine Yieder, ſondern

) Eine andere Art des Gegenſatzes (moran hier erinnert werden kann) iſt eg, De jene Minneſänger, die im Tone der volkstümlichen Lyrik dichten, ſich von den vornehmen Damen ab und den Mädchen des niederen Standes, armen wiben, zuwenden. Vgl. u. a. F. Arnold Mayer, Die Mondſee-Wiener Liederhandfchrift und der Mönch von Salzburg 1, 151.

38 A. Hauffen, Das Volkslied von den zwei Gefpielen.

auch feine, in den Yiedern angedeuteten der Wirklichkeit entjprechenden gejellichaftlichen Zuſtände jeit Jahrhunderten ich faſt ganz gleich geblieben find.

Anhangsweife möchte ich einige Bemerkungen zu dem Terte A des Yiedes bon den zwei Gefpielen machen. In dem (Ambrafer) Liederbuch ift es im ver— derbter Geftalt aufgezeichnet, weswegen alle neueren Herausgeber: Uhland (Volks— lieder Nr. 115 A), Goedefe-Tittmann (Liederbuch, 89, Ver. 86), Böhme (Alt deutfches Liederbuh Nr. 41), Liliencron (Deutiches Leben im Bolfslied Nr. 88) und Erk-Böhme (Liederhort Nr. 7Ob) fich genötigt fahen einen neuen Text her- zuftellen. In der Quelle beginnt das Lied mit dem Vers: „ES giengen fich aus zwo gefpiele“. Daraus machen alle Herausgeber „ES giengen zw» gejpielen gut“. Das Schlußwort „gut“ bildet den Reim zu „Mut“ im 3. Vers und erweift jeine Berechtigung durch die niederländifchen Verſionen; doch fehlt er in den jpäteren deutſchen Liedern, denm den Bolfsfängern lag ja gar nichts daran ein Reimwort zu gewinnen oder beizubehalten. „Sich“ haben nur Goedeke-Tittmann bewahrt. Sicher ift es alt berechtigt. Jakob Grimm hat in der Grammatik 4, 36 mehrere altdeutiche Beifpiele für diefe uns fremde Verwendung des Reflerivums zufammengetvagen: „ev kam ſich, hieß ſich, ſprach ſich.“ Im deutjchen Wörter- buch 3, 1138 iſt die Vermutung ausgeſprochen, daß aus dem „ſich“ durch Ver— kürzung in ſſ' und falſche Auflöſung dieſes Füllſel das Fürwort „es“ ent— ſtanden ſei, das gerade in unſeren Volksliedern ſo häufig als nichtsſagendes Flickwort ſteht: „ALS wenn es der Sommer angeht. Ein freier Reiter iſt er’s genannt. Mein Herz ift mir es betrübet.” Es ift wohl eine Beftätigung diefer Anficht, daß in einer jüngeren (Schweizer) Faſſung 77 unferes Liedes, gerade an der Stelle des älteren „fich“ ein „es“ eingetreten ift: „Es fin es mal zwo Gipiele gfin.“

Die Strophen 2—7 haben alle Herausgeber im mejentlihen unverändert beibehalten. Die Frage an die Freundin in der zweiten Strophe

Ei traureft du umb deins Vaters Gut, Oder traureft du umb dein Ehre?

findet fih wörtlich auch in anderen Volksliedern, jo in den Liedern vom Gretlein, bom Brautmörder, von Stolz Sieburg u. a.!) In den Vers 7, 3 haben nad Uhlands Vorgang die meiften Herausgeber augenſcheinlich aus metriichen Gründen ein „noir“ eingefchoben: „Wir zwei wir find no jung und ftarf.“ Notwendig war diefer Einſchub nicht, denn wenn wir nad A lefen: „Wir zwei find noch jung und ftark,“ fo fehlt eben eine Senfung zmwifchen zwei Hebungen, was dem Bolfslied ganz gemäß ift. Die anderen Faffungen weichen an diefer Stelle von A ab, doch feines fett zweimal „wir“.

B „Dan zijn wi twee noch ionc ende fterd.“

E „ix find alle beid’ hübſch jung und ſtark.“

F „Wir beide find noch jung und ſtark.“ Die 8. und 9. Strophe der Vorlage haben Uhland und Liliencron mweggelaffen. Sie find aus dem Liede Abendgang (Uhland Nr. 90 A 10) übernommen worden und paffen hier gar nicht in den Zuſammenhang hinein. Die übrigen Heraus- geber haben die 8. Strophe (nachdem fie die überlieferten 3 Verſe, was jehr leicht war, in 4 zerdehnt haben) beibehalten. Sch glaube jedoch, daß Uhland mit

1) Des Knaben Wunderhorn (herausgegeben von Birlinger und Erecelius) 1, 43. Erf Nr. 41d. Alg. 42f., ähnlich Alb,c. 42b—d. 67c.d, j

©. Szamatölsti, Fauft in Erfurt. 39

der Streihung der 8. Strophe auch Recht hatte, dem die Wendung: „Er nahm fie an der Hand und führte fie in den Wald“ ift in Volksliedern zwar häufig, aber nur dort, wo es fih um eine Entführung mit böfer Abficht handelt (Vgl. Hauffen, Gottichee, S. 152), was in unferem Liede gar nicht der Fall ift. In der 10. Strophe gibt der Füngling dem Mädchen einen Ring und ſchwört ihr Trene. Darauf folgt die 11. und letste Strophe:

Sie gab jm wieder ein frenzelein,

Bon gold, dabey er jr gedenden folt,

Ich hab euch lieb im hertzen mein,

Bon euch mwil ich nicht ſcheiden.

Der Wortlaut ift augenjcheinlich verderbt. Uhland hat die Strophe ganz geftrichen, was nicht zu billigen ift, dem die Gegengabe des Mädchens bildet einen hübſchen Abſchluß und es ift ja noch heute durchwegs volfstümlicher Braud, daß fi Yiebespaare bei Verlobungen gegenfeitig bejchenfen. „Bon gold“ gehört in den erſten Vers, jchwerlih an den Schluß, meil die Volkslieder Neimpaare in vierzeiligen Strophen lieber vermeiden. Sehr hübfch haben Goedeke-Tittmann diefe Strophe hergeftellt:

Sie gab im von gold ein Fvenzelein,

Daß er ir folt gedenten:

Ich hab euch lieb im Herzen mein,

Bon euch mil ich nicht wenken. Die übrigen Herausgeber find Goedefe-Tittmann gefolgt, nur Erf jetst für „von gold“ „wieder“ ein umd meint? „es war doh nur ein Blumenkranz.“ Man muß ihm nicht Necht geben, denn Kränze von Gold werden in Bolfsliedern häufig erwähnt (Erks Liederhort Nr. 453, 458, 490 u. a.), als Geſchenke zwifchen Liebenden und als Ehrenfränze der Jungfrauen.

Fauſt in Erfurt,

Bon Siegfried Szamatolsfi.!)

Alle Probleme, welche die Lliterarhiftorifche Forſchung in unferen mittelaltexlichen Volksepen gefunden und zu ihrer Lieblingsaufgabe erwählt hat, werden auch von dem bedeutendften unſerer jüngeren Bolfsbücher geboten. Es ift aber noch nicht lange her, daß Die Forſchung fich diefen Fragen zugewandt hat und bemüht ift, mit den Mitteln philologifchev Scheidefunft zu den Elementen vorzudringen, aus deren Mifchung fich jenes wunderſame literarifche Produkt kryſtalli— fiert hat, das wir das ältefte Fauftbuch nennen. Und doch bietet fich

) Wehmütig übergebe ich diefe Studie des am 14. Auguft 1894 in München verftorbenen Freundes dem Drud. Es ift ein am 23. Januar 1890 in der Berliner Gefellfchaft für deutfche Literatur gehaltener Vortrag (vgl. Deutjche Piteraturzeitung 1890 Nr. 7), den Szamatolsfi veiflih nahprüfen und erweitern wollte. Die Hauptergebniffe ſcheinen mir gefichert zu fein; dod um nur eines

40 ©. Szamatölsti, Fauft in Erfurt.

gerade hier wie jonft bei feinem Wolfsepos oder Volfsbuch eine Fülle von Material für folche Unterfuchungen. Die gewaltige Maffe der erhaltenen gleichzeitigen Yiteratur gewährt uns Stügpunfte genug, um Schritt fir Schritt der Entwiclung. dev Sage vom Hiftorischen Fauft bis zum mythiſchen nach zu gehen. Zudem liegt uns im älteſten Fauftbuch vor, was wir von andern Sagendichtungen vergebens zu befigen winnjchen: die erſte literariſche Zufammenfafjung. In ihr jind noch alle die Fugen eines Nohbaues wahrzunehmen, die ext die jpätere Entwicklung der Sage zu glätten und verdeden. vermag. So läßt jich deutlich verfolgen, inwieweit die Sage auf hiſtoriſcher Grundlage ruht, inwieweit Einflüffe anderer Sagenfreife gewirft haben, inwieweit (itevarifche Entlehnung jtattfindet, inwieweit der Verfaſſer des erjten Fauſtbuches die Sage gemodelt hat. Können auch die Probleme por— läufig nicht alle mit Sicherheit entjchieden werden, weil das Material teilweife noch aufgejucht werden muß, jo bejigen wir doch überall Unterlage genug, um wenigjtens zu einer jicheren Fragſtellung zu gelangen, die uns davor bewahrt, auf der Wildbahn luftiger Einfälle zu ſchweifen

Im Gegenſatz zu einer älteren Behauptung, die eine unverkenn bare Aehnlichkeit mit gewiſſen Konſtruktionen auf dem Gebiet des mittelalterlichen Volksepos aufweiſt, will die folgende Unterſuchung die Löſung eines der wichtigſten und intereſſanteſten Probleme der

zu berühren, die übrigen Teile der Hogelſchen Chronik mußten ſtiliſtiſch und grammatijch, im Zufammenhang mit Wambahs Nachlaß, unterfucht werden. Ob die im Fauſtbuch ge Schilderung der Homeriſchen Schatten einen Einfluß des Hans Sachs oder Wierus u. a. erfahren hat? Daß Szamatolsfi diefe Motive genauer zu entwideln vorhatte, lehrt eine ihm von F. Schnorr v. Carolsfeld beforgte Abfchrift aus Bütners Epitome historiarum Bl. 115: „So habe ich auch gehöret, das Fauftus zu Wittenbergf, den Studenten ud einem hohen Mann N. habe Hectorem, Vlyffem, Herculem, Aeneam, Samſon, Dauid, vnd andere gezeiget, Die denn mit graufamer geperde, vnd ernithafften angeficht herfür gangen, vnd follen (welches Luth. nicht gelobet) dazumal auch Fürſtliche Perſonen dabey geſeſſen, vnd zugeſehen haben“ (Bl. 59 „Zu Halberſtad, iſt mir recht, jo war es Fauſtus, vnd ſprach: Nach dem eſſen wolan waſchet die hende, zu Lübeck wollen wir ſie treugen“). Milchſacks bedeutſamer Wolfen⸗ bütteler Fund, den ich durch ſeine Güte ſchon länger kenne, berührt Szama— tölkis Studie nur von fern und bloß die allgemeinen Vorausfetzungen über den Urſprung der Hiſtoria von 1587. Den Redaktor der Erfurter Capitel würde ich freundlicher beurteilen. Nachträglich bemerke ich, daß A, Pick die Stellen aus der Hogelſchen Chronik am Schwer zuügänglichem Orte mit— geteilt hat, doch ohne die Verzweigung der Berichte zu unterſuchen Fauit in Erfurt. PVortrag gehalten im Verein für Gefchichte und Altertumsfunde von Erfurt am 17. November 1893. Erfurter Echo, Beilage zur Thüringer Zeitung 1893 Nr. 30—32, 1894 Nr. 1—3). Ich erfuhr das zufällig im Goethes Schiller⸗Archiv und erhielt dann von dem Verfaſſer, der ee verfahren ift, ein Exemplar, - FErih Schmidt,“

©. Szamatölsti, Fauft in Erfitrt. 41

alten Fauſtgeſchichte vorbereiten, indem jie dem Urſprung der Erfurter Kapitel auf dem Wege philologijch- hiftorischer Kritik ——

Georg Ellinger hat in einem Aufſatz über die Quellen des Fauſtbuches von 1587 (Beitjchrift für vergleichende eiteratungejchichte ind Nenaifjanceliteratur. Neue Folge. 1,156 ff.), der im übrigen einen bedeutenden Fortjchritt auf dem zulebt bezeichneten Wege bedeutet, die Annahme vertreten, daß zur Zeit der Entjtehung des älteften Fauſt— buches eine den Fauſt tvealifterende Tradition ihre literarijche Faſſung gefunden Habe; uns erhalten in gewiljen Bruchjtücen, die in die gedruckten Hiſtorien geraten jeien: in die Ausgabe von 1587 mur zwei fleine Trümmer, die beiden viel berufenen Stellen von den Titanen und den Adlersflügeln, in die Ausgabe von 1589 außerdem eine umfanglichere Nuinengruppe, die Erfurter Stapitel. Es kann fich hier nicht um eine Kritik der allgemeinen Grundlage dieſer Behauptung handeln, die mit ihrer theoretifchen Konſtruktion einer den Fauſt ivdenli- jievenden und einer ihn niederdrüchenden Tradition dem vielgejtaltigen Leben der Sage Gewalt anthut; auch nicht um eine Erörterung der Ummahrjcheinlichfeit, daß die eine Tradition aus der anderen zu ver- Ichtedenen Zeiten gejchöpft habe, ebenjo wenig um eine Ausjcheidung der beiden Gleichnisftellen, deren Bedeutung ich bereits früher durch, fiterarhiftorifche Vergleichung feſtgeſtellt habe (Bierteljahrichrift für Literaturgeſchichte 1, 181 ff.); vielmehr um eine Betrachtung der Gründe, die Ellinger für jeine Hupothefe bezüglich der Erfurter Stapitel anführt:

Daß diefe fünf Gefchichten das Bruchſtück einer größeren, die ganze Sejchichte Faufts umfaffenden, Darftellung find, beweift meiner Anficht nach nicht allein die Eunftmäßige, die Hand eines einzigen Verfafjers verratende Behandlung, der innere Zuſammenhang der einzelnen Ge- jchichten, jundern geht auch aus der Thatjache hervor, daß der inhalt einer Erzählung des Fauftbuches von 1587 auch zum Gegenjtande eines Stapitels der Erfurter Ueberlieferung gemacht worden ift. Es handelt fich um die Warnung Fauſts.“ Gegen dieje Beweisführung: ift einzuwenden, daß aus dem einheitlichen Stil der Erfurter Kapitel durchaus nichts weiter als ein gemeinfamer Berfaffer eben diejer fünf Geſchichten exfchloffen werden fann; und die zulegt angeführte That- jache jpricht ſogar geradezu gegen Ellingers Satz, da ſie fich micht erklären. läßt, wenn man bei dem Redaktor von 1589 freie Auswahl aus einer Gejamtüberlieferung vorausjeßt, jondern allein dadurch, daß man die volljtändige Uebernahme einer durch Ortseinheit gejchloffenen, für fich beftehenden Gruppe annimmt. Mus einer jolchen aber fann man ebenfo wenig auf eine ejamtüberlieferung jchliegen wie aus irgend einem einzelnen Kapitel, 3. B. dem Yeipziger.

Da wir uns nicht mit diefer negativen Kritif der älteren Hypotheſe

42 S. Szamatölsti, Fauft in Erfurt.

begnügen, jondern über dieje hinaus zu einer neuen vorjchreiten wollen und zwar auf dem Wege philologijch - Hiftorijcher Unterjfuchung, jo ift als Grundlage eine Analyje dev Erfurter Kapitel faum zu entbehren. Die beiden erjten Kapitel verjegen uns in die afademijchen Kreiſe Erfurts: Fauſt lieft an der Univerjitäat über Homer und erweckt in den Studenten die Sehnjucht nach den Helden des Altertums. Er befriedigt jie durch eine Geiſterbeſchwörung und ſchreckt fie zugleich von ferneren Wünfchen ab, indem er ihnen mit dem Polyphem gewaltige Angſt einjagt. Sodann erjcheint Fauſt bei einer Promotionsfeierlichkeit, als man über die verlorenen Komödien des Terenz und Plautus jpricht. Er erbietet jich, diefe auf einige Zeit zum Zweck einer Abfjchrift hexbei- zujchaffen, wird aber von den anmwejenden Theologen und Ratsmitgliedern abgewiejen, weil jie Zeufelsfünfte befürchten. Die beiden nächjten Kapitel führen in die Streife des Erfurter Stadtadels. In dem Haufe zum „Encker“ (Anker) in der Schlöfjfergajje feiert ein Stadtjunfer ein Gelage. Ein Gaſt wünſcht Fauſt herbei, der ich gerade in Prag beim Kaiſer befindet. Da erjcheint diejer plötzlich und führt der GSejellichaft das Zauberftücchen vor, dem wir noch bei Goethe begegnen: er zapft Wein aus dem Tijch. Noch in derjelben Nacht bejteigt ex das Pferd, das ihn hergebracht und fich inzwijchen teuflifch gefräßig erwiejen hat, veitet die Schlöffergaffe hinauf, um dann plöglich durch die Yuft in der Richtung auf Prag zu entjchwinden. Nach feiner Rückkehr erhält die Gejelljchaft aus dem Anker eine inladung zu Sauft, findet jedoch bei ihm feine Vorbereitungen zum Feſt. In ihrer Gegenwart jpielt ſich nun die Scene ab, die an bedeutfamerer Stelle in die Volfsjchaufpiele überging und ähnlich noch bei Leſſing erjcheint; Fauſt citiert verjchiedene teuflifche Diener und läßt fich von jedem jeine Schnelligkeit bezeichnen: wie der Pfeil, wie dev Wind, wie die Gedanken der Menjchen.!) Während der leBte, vajchefte Geift die Aufträge zum Gaftmahl empfängt, wird der Wein dadurch herbei- geichafft, daß Fauft die leeren Becher zur Füllung vor das enter ftellt. Eine wunderbare Mufif beftreitet die Unterhaltung. Das lebte Kapitel enthält den Dialog zwijchen Fauft und dem Barfüßermönch Dr. Klinge, der ihn unter Hinweis auf Buße und Meffe zur Umfehr überreden will. Fauſt aber antwortet: Meß hin, Meß her! Er wolle dem Teufel jein Wort nicht brechen, weil diefer ihm das feine gehalten habe. Da verflucht der Mönch Fauſt und erwirkt gegen ihn bei Rektor und Nat einen Ausweilungsbefehl.

Für dieſe Kapitel vermute ich nun auf Grund der folgenden Unterfuchung als Quelle nicht eine fabuloje Gefamtüberlieferung, jondern

1) Bol. Euphorion 1, 47. E. S.

©. Szamatölsfi, Fauft in Erfurt. 43

ein ganz bejtimmtes literarijches Erzeugnis, das jedoch nicht vorgelegt werden fann, da es zur Zeit leider verjchollen ift. Das Ergebnis meiner Unterfuchung, das nicht nur Ellingers Schlüffe, jondern auch, wie jich jpäter zeigen wird, Die Forſchung über den hiſtoriſchen Fauſt angeht, ſtützt ſich alſo weder auf luftige Geſpinſte noch auf die wohl⸗ feile Beweiskraft einer einfachen Quellenentdeckung, ſondern auf ein ſtrenges Indizienverfahren, deſſen letzte Beſtätigung oder Verwerfung freilich erſt die Auffindung des von mir zu bezeichnenden Werkes ergeben könnte.

Wie mir eine Hypotheſe die Anregung zur Unterſuchung lieh, jo gab eine andere den Fingerzeig für meinen neuen Weg. In einem jener wüſten Sammelwerfe, deren die Gelehrtengejchichte des vorigen Jahrhunderts viele aufzuweiſen hat, in der „Erfordia literata“ des Juſt Ehrijtoph Motſchman n |3. Fortſetzung 1735 ©. 372: Kloſter 5, 486] findet jich eine Biographie des Dr. Stlinge, deren größeren Teil die volljtändige Grzählung dev erwähnten Begegnung mit Fauſt und mehr oder weniger ausführliche Auszüge der vier übrigen Geſchichten einnehmen. Als feine Quelle bezeichnet Motſchmann „ein altes Chronicon“. Die fajt mwörtliche Uebereinftimmung der erjtgenannten Gejchichte mit dem betreffenden Kapitel des Fauftbuches erhebt die Bermutung über jeden Yweifel, daß zwijchen diefem und dem Chronifon ein engjtes verwandtjchaftliches Verhältnis bejtehen muß, und die Frage nach der Art diejes Berhältnijjes hat denn auch bereits mehrfach die Forſchung bejchäftigt. Emil Sommer jtellte die Bermutung auf, daß Motjchmanns „altes Chronicon“ das Fauſtbuch jelbjt oder ein Werf mit Auszügen daraus jei. Hier hatte es nun Dünger leicht, einen Irrtum nachzumeijen: deun Motjchmann teilt aus demjelben Chronifon Ereignifje der Stadtgejchichte mit; und um Auszüge fann es ſich auch nicht handeln, da er mwenigftens das eine Stapitel, das ihn Dr. Klinges wegen intereffierte, vollftandig bietet. Dünger nahm jeinerjeits an, daß Motſchmann wirklich für ſeine Mitteilungen aus den Erfurter Kapiteln eine Chronik benutzt habe, und Kam nun weiter zu der Frage: in welchem Berhältnis fteht das Chronifon zum Fauſtbuch? Dünger entjchied jich dafür, das Chronifon habe aus dem Fauftbuch entlehnt, denn die Gejchichten jeien mehr legendariich als chronifaliich. Dieſe recht jchmwächliche Bemweisführung erfuhr feinen Cinjpruch, bis vor furzem Ernſt Raligan in feiner Histoire de la leEgende de Faust [1885 ©. 8 vgl. 180] der Düntzerſchen Anficht fühl entgegnete, fie jei haltlos, da die Ehronifen gerade jolche Geſchichten liebten; und dem läßt ich hinzufügen: der bejte Beweis hierfür ift eben die Chromif, die aus dem Fauftbuch abgejchrieben haben jol. Die Bedeutung diejer Streitfrage für Ellingers Sätze ift leicht exfichtlich: wird fie zu Gunſten

44 S. Szamatölski, Fauft in Erfurt.

der Priorität der Chronik entjchieden, jo iſt Die Hypotheſe auch auf dieſem Wege zerſtört. Die erſte Vorbedingung für ein begründetes Urteil, die von den bisherigen Forſchern übrigens vernachläſſigt worden iſt, beſteht natürlich darin, die fragliche Chronik zur Stelle zu ſchaffen. Das treffliche Werk von Karl Herrmann, Bibliotheca Erfurtina,!) ſowie auch eine zufällige Erwähnung P. Caſſels Erfurter Bilder und Brauche 1859] erleichterten mir die Aufgabe, Motſchmanns Zeugen zu identifizieren: es iſt M. Zacharias Hogel II in ſeiner handſchrift— lichen „Chronica von Thüringen und der Stadt Erffurth“. Faligan bemerti ſehr richtig, daß die Frage zu ſeinen Gunſten beantwortet ſei, ſobald ſich herausſtelle, die von Motſchmann benutzte Chronik ſei älter als das Fauſtbuch. Dies iſt nun nicht der Fall: Hogels Chronik iſt erſt um die Mitte des ſiebzehnten Jahrhunderts entſtanden. Sind wir alſo in eine Sackgaſſe geraten, und die gewöhnliche Meinung hätte Recht, ſich Düntzer anzuſchließen? Durchaus nicht! Man muß ſich nur don der Vorſtellung losſagen, daß Fauſtbuch und Chronik im Verhältnis von Vater und Kind ſtehen. Ihre Aehnlichkeit wird ebenſo befriedigend dadurch erklärt, daß man ſie als Geſchwiſter anſieht; und daß dieſe Annahme richtig iſt, ſucht der folgende Indizienbeweis zu bekräftigen, der zugleich den leider verſchollenen Vater genau bezeichnet.

Eine kritiſche Vergleichung der beiden Faſſungen ergibt inmitten der allgemeinen Uebereinſtimmung beträchtliche Unterſchiede, die jcharf in zwei Klaſſen gejchieven werden können: die hiſtoriſchen und Die novelliftifchen. Für die Verwendung der erjteren innerhalb des In— dizienbeweijes iſt folgender allgemeine Gefichtspunft maßgebend gemejen: befigen wir von einer Sage zwei verfchiedene Fafjungen, von denen die eine etwa zwei, die andere etwa vier Menjchenalter von den zu Grunde liegenden Hiftorifchen Ereigniſſen entfernt ift, und finden wir nun, daß die zweite Faſſung dieſe hiſtoriſchen Verhältniſſe reiner dar- jtellt al3 die erjte, jo müſſen wir zunächſt von einer Herleitung der jüngeren aus der älteren Abjtand nehmen und für beide eine Urquelle juchen, die in der älteren Faſſung umgegofjen, in der jüngeren dagegen treu bewahrt worden it. Dieje allgemeine Borausjegung unterliegt natürlich der Prüfung im einzelnen.

Betrachten wir zunächſt die hiftorifchen Berfchiedenheiten. Man

') 1863 ©. 123—125. Danach ſtammte Hogel (1611—1677), Paftor an der Auguftinerfiche und Gymnaſialdirektor, ein ftreitbarer Proteftant, aus einer alten Erfurter Familie. Seine Chronik, ſoweit ſie erhalten iſt, bricht mit dem Jahre 1627 ab. Sie iſt zuerſt 1822 von Erhard (Herrmann ©. 24) unterſucht worden, der aud der Benutzung durch Motſchmann gedenft ebenda ©. 124). Die

Handf hrift ging 1774 durch ein Vermächtnis des Herrn von Gerftenberg in die Bibliothek des evangelifchen Minifterium zu Erfurt über (©. 48). E. S,

©. Szamatolsti, Fauſt in Erfurt. 45

ift durchaus berechtigt, an die Erfurter Stapitel diefen Maßjtab an- zulegen, denn, wie längjt fejtiteht und weiterhin bekräftigt werden fann, es gibt feinen andern Abjchnitt im ganzen Fauſtbuch, der jo wie diejer mit hiftorischen Elementen gejättigt wäre. Sat doch Erich Schmidt, als er vor Ellinger und Scherer die ‚höhere Sphäre unferer Kapitel pries, im Hinblick auf helle Yofalfarben den Verfaſſer einfach als den „Erfurter“ bezeichnet. Der berühmte Humanift Mutianus Rufus ver brieft, daß Fauft wirklich und zwar Ende September 1513] in Er— furt war und allgemeine Aufmerkſamkeit erregte. Man hat erhärtet, daß die Ortsangaben im Gegenjage zu den übrigen Teilen des Fauſt— buches der Wirklichkeit entſprechen. Mit Hilfe der Erfurter Häuſer— chronik ſvon B. Hartung 1861 ©. 190 F.] läßt ſich ſogar feſtſtellen, was die Forſchung bisher überſehen hat, daß das Haus zum „Encker“ wirklich zu jener Zeit einem „Sundern“ gehörte, nämlich dem Junker Wolfgang von Denſtett. Ferner hat Eric) Schmidt gezeigt, wie eigen die wiljenschaftlichen Beftrebungen, an denen wir Fauft hier beteiligt jehen, der Erfurter Poetenuniverjität find. Auch ift die Anwejenheit von Natsmitgliedern bei der Promotionsfeier ein Charakteriſtikum diefer bürgerlichen Hochjchule.t) Dr. Klinge vagt als hiſtoriſche Per— jönlichfeit hervor, und an der Hand jeiner eigenen Schriften mag man jic) davon überzeugen, wie völlig die Nolle, die er im Fauſtbuch jpielt, jeinem wuchtigen Weſen entjpricht. Ja, es ift gewiß fein Zufall, daß ev die Meſſe jo betont: vornehmlich wegen des großen Mepjtreites mit Juſtus Menius verzeichnet die Kirchengeſchichte Klinges Namen.

Hogel unterjcheidet ich an zwei Stellen von dem Fauftbuch, und an beiden ſteht ex den hiſtoriſchen Berhältnifjen näher als das Fauſtbuch.

Der erſte Fall findet ſich in der Einleitung zum letzten Kapitel, dem Bekehrungsverſuch des Dr. Klinge. Nachdem geſagt worden iſt, daß man allmählich Furcht bekommen habe, Fauſt könne die Jugend ernſtlich verderben, heißt es:

Hiſtoria: „war von etlichen verſtendigen ein berhümpter Bar— füſſer Mönch, Doctor Klinge genandt, welcher auch mit Doctor Luther vnd D. Yangen wol befand war, angeſprochen, weil jhme Fauſtus auch bekandt, er ſolte bverſuchen, ob et jn erretten fünnte.“

) Motſchmann ©. 18 überliefert uns den Bericht über eine theologiſche Wromotion, deren Formen, was den bier interejfierenden Verlauf angeht, gewiß denen der philoſophiſchen Fakultät entſprechen: „im Rückweg geſchieht die Promotion in voriger Ordnung, außer daß nunmehr der Rektor Staamineng und atvei Deputati von dem Stadtrate (als welche während der erften ration des Promotoris eingebolet werden) dabey find“; ferner wird durch Ermähmmg der

Präfenzgelder die Anweſenheit dev Mitglieder der andern Fakultäten bei ae theologiichen Attus, aljo gewiß vice versa, als offiziell beglaubigt; E

46 S. Szamatölsti, Fauſt in Erfurt.

Dagegen Hogel: „Nun fich denn der Zauberer zum under im Ender, jo ein Bapift war, hielte. Als ward Anleitung gegebeit, daß Sich doch der benachbarte Mönch Dr. Klinge an ihm verjuchen möchte, ob er jhn . . . befehren möchte.“

Bergleichen wir nun beide Stellen mit der hiſtoriſchen Wirflich- feit. Zunächſt die Faſſung bei Hogel. Fauſt hielt ſich zu einem Erfurter Junker, „der ein Papiſt war“: eine Angabe, die jich nicht im Fauftbuch findet, aber vollfommen dem Thatbeſtand entjpricht. Die bei Hogel oft erwähnte Familie von Denjtett war jo jtreng fatholijch, daß fie jogar die Wiederlafjung der Jeſuiten in Erfurt be- fürderte. Hieraus wird ganz vichtig motiviert, daß Dr. Klinge als der Helfer in der Not erjcheinen muß; denn ex iſt der Beichtvater und Gewiſſensrat des fatholifch gebliebenen Stadtadels thatjächlich gewejen. Und jelbjt ein jo umbedeutender Nebenumfjtand wie der, daß Klinge den Denſtetts „benachbart“ war, ift, wie man fich auf der Starte von Erfurt überzeugen kann, biftorisch richtig. Man fieht aljo bei Hogel eine hiſtoriſch und logisch feſt gejchloffene Darjtellung. ie anders im Fauſtbuch! Als Motiv die billige Angabe, Klinge und Fauſt jeien von früher bekannt gewejen. Statt des charafterifti- ichen „benachbart”“ ein nichtsjagendes „berhümpt“, das der Nedaftor jofort jelbjt in ein jeltfames Yicht vüct, wenn ex von Klinge, dem unentwegten Derteidiger des Statholizismus in Erfurt, einem der ichärfften Feinde Yuthers und des Yuthertums in Deutjchland über- haupt, nichts anderes anzugeben weiß, als er jei mit D. Yuther und jeinem berühmten Erfurter Genofjen, der Erfurt für die Reformation gewann, mit D. Yange „wol befandt“ gewejen. Es ift für uns gleichgiltig, ob ſich vielleicht noch einmal perjünliche Beziehungen zwifchen Klinge einerſeits und Yuther und Yange andrerjeits herausitellen. Bis jet wijjen wir nur, daß jie einander konfeſſionelle Todfeindichaft ent- gegenbrachten. Ein wunderlicher Ausdrud, das als „qute Befannt- jchaft“ zu bezeichnen. Und was foll diefe Erwähnung hiev überhaupt ?

Alles läßt jich jehr leicht erklären, wenn wir uns erinnern, wie jtarfen Einfluß veligiöfe Tendenz bei dem Anonymus von 1587 und jpäter bei Widmann 1599 auf die Darftellung der urjprünglichen Sage geübt hat. Religiöſe Tendenz hat ficherlich auch dem Anonymus von 1539 die Hand geführt zur Entftellung der urjprünglichen Fafjung. Wie alles Böje in der Fauftjage dem Slatholizismus allmählich zu- gejchoben wird jeitens theologijcher Bearbeiter, jo alles Gute dem Protejtantismus. Wenn aljo der Nedaftor von 1589 in jeiner Vor— lage den Befehrungsverjuch Klinges findet, jo jucht er dieſe ihm ex- freuliche That für den Protejtantismus zu vetten, indem ex Stlinge in Beziehungen zu Yuther und Yange rüdt. Für das jechzehnte Jahr-

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Hundert ift es ja auch nichts Ungewöhnliches, daß Mönche zur anti- mönchifchen Partei jtehen. Dann mußte der Nedaftor natürlich die Motivierung durch den Katholizismus des Junkers fallen lafjen. Und bei einem Manne, der mit Erfurter Berhältnijjen jo wenig vertraut ift, um Klinges Perſönlichkeit in das trübfte Yicht zu rücken, ift es auch ganz natürlich, daß er den charafteriftiichen Zuſatz „benachbart“ nicht verjteht und durch ein nichtsjagendes Wort erjegt.

Hogel hat alſo ſeine Vorlage bewahrt, das Fauſtbuch ſie entſtellt. Das iſt meine Auffaſſung dieſer auffälligen Verſchiedenheit. In privater Beſprechung habe ich nun hiergegen einen Widerſpruch erfahren, der bald wieder zurückgezogen wurde, aber doch von andrer Seite wieder ins Feld geführt werden könnte. Diejer Einwand war folgender: allerdings fünne die autochthone Erfurter Sage nicht jo gelautet haben wie im Fauſtbuch; allerdings biete Hogel die Faſſung, wie jie nach gejchichtlichen und jagengejchichtlichen Erwägungen urjprünglich gelautet haben müjje. Aber das jei nicht dadurch zu erklären, daß Hogel eine ältere Faſſung, als es das Fauſtbuch iſt, benugt habe, jondern Hogel habe als Erfurter Ehronift auf Grund jeiner hiſtoriſchen Stenntnifje die Gejchichte wieder auf ihren urjprünglichen Stand gebracht. Kine etwas fünftliche Annahme! Doch das würde nichts bedeuten. Künſt— liche Annahmen jind zumeilen die richtigjten. Aber hier wird Die Annahme durch innere Gründe zu Falle gebracht, die in der Sache jelbft liegen. Kann man Hogel jolche Aenderungen jeiner Vorlage überhaupt zutvauen? Wenn man jeine eigene Dandjchrift vornimmt, wird man dieſe Frage jtrift verneinen müſſen. Es find in Ddiejer Handjchrift nämlich mehrere Korrekturen vorhanden, von Hogels eigener Hand wie der Text. Und das Nefultat fajt aller dieſer Korrekturen ift, daß ein Text hergestellt wird, der genau mit dem Fauſtbuch d. h. der gemeinfamen Vorlage übereinftimmt. in Mann, der „was iſt's“ durch „was wolt jhr,“ „gefrejjen“ durch „verjchluct“ Forrigiert, der jo pedantijch jeiner Vorlage folgt, wird ſich nicht an andrer Stelle große Veränderungen erlauben. Diejelbe Borlage, in der Hogel „was wolt jhr“ und „verſchluckt“ fand, enthielt auch den Paſſus über Klinge, wie ihn Dogel giebt. Aber auch wenn dieſer entjcheidende Dinderungs- grund nicht entgegenjtände, ift jene Annahme einer hiftorischen Korrektur jeitens Hogels ganz unwahrſcheinlich. Selbjt wenn wir annehmen, daß er hiſtoriſche Kritik auf das Fauſtbuch anwandte, iſt es unwahr— ſcheinlich, daß er ſo ſtillſchweigend in einen ſonſt treu übernommenen Text ſeine tiefgehenden Umänderungen eingeſchoben hätte. Dem wider ſprechen auch alle Analogiefälle. Man denke etwa an die bekannte Kritik eines Lercheimer. Und endlich, wie hätte es Hogel einfallen jollen, einen jo unbedeutenden Nebenumftand wie das „benachbart,“

48 S. Szamatölsti, Fauſt in Erfurt.

das wohl dem erſten Erzähler einfließen fanıt, plöglich nun einzuflicfen ? Daß diefe umgekehrte Erklärungsart auch die verkehrte ift, wird ferner dadurch bewiejen, daß fie fich nicht Fonjequent durchführen laßt bei dem jeßt zu bejprechenden zweiten Fall hiftorijcher Unterjchiede.

In dem dritten Erfinter Kapitel heißt es: „zu Braga beym Keyſer“ [die legten Worte fehlen bei Widmann]; dafür bei Dogel: „gen Prag in Böhmen“.

Am Anfang des vierten Stapitels: „Als nun D. Fauftus von Prag wider anheim fomen, vnd von den Dfterreichiichen Herren und andern Fürſten und Graffen, jo ans Römiſchen Keyſers Hoffe, damals fich verhielten, viel herrlich gejchene mit jich bracht hatte“ ; dafür bei Hogel: „Nach etlichen Wochen fomt ev wider von Prag gen Erffurt mit herrlichen ihm dort verehrten presenten“.

Der Unterjchied der Dogeljchen Faſſung von der des Fauſtbuchs bejteht darin, daß in beiden Fällen die Erwähnung des Kaiſers fehlt. Die triviale Erklärung, Hogel habe die Stelle überjehen, wäre jelbjt dann unmöglich, wenn Hogels pedantische Treue nicht exwiejen wäre. Die wahre Erklärung iſt wiederum nur durch hiſtoriſche Erwägungen zu finden. Dean beachte, daß Prag erſt 1558 Nefidenz des vömijchen Kaiſers wurde oder eigentlich jogar erſt 1576, denn Ferdinand I. und Maximilian 11. weilten als Kaiſer vecht flüchtig in Prag. Erſt Nudolf II. machte Prag zur dauernden faijerlichen Reſidenz. Segen wir nun die gemeinfame Quelle von Hogel und vom Fauftbuch, jene Chronik X, etwa in das dritte Viertel des Jahrhunderts, jo jehen wir ganz klar, weshalb dieſer Chronift nicht davan dachte, Fauſt zum Kaiſer nach Prag gehen zu laſſen. Einfach, weil es feinen Kaiſer in Prag gab. Dagegen mußte ſich dem Redaktor von 1589 ganz naturgemäß mit dem Namen Prag die Idee der Reſidenz des Kaiſers verbinden und welches Kaiſers: Nudolfs II., des Aftronomen, Aftrologen und Alchymiften! Aus dem einfachen Bejuch, von dem jeine Vorlage berichtete, wurde ihm ganz jelbjtverjtandlich ein Bejuch bei dem der Magie ergebenen Kaiſer.

Hören wir nun wieder den Verteidiger der umgefehrten Anficht: Hogel habe das Fauftbuch hiſtoriſch korrigiert. Hogel habe, da er die Sauftgejchichten unter dem Jahre 1550 berichtet, einjehen müfjen, daß damals noch fein römiſcher Kaiſer im Prag gejejlen habe, und ihn jomit aus dem Text geftrichen. Dagegen ift wieder und wieder Die TIhatjache anzuführen, daß Hogel viel zu pedantijch jeiner Vorlage (ich meine damit die Chronik X, der Gegner kann jich das Fauſtbuch denfen) folgt, um jolche Streicyungen vorzunehmen. Und das auch noch jo jtillfchweigend, ohne die polternde Kritik analoger Fälle.

Der wichtigjte. Einwand gegen dieje Argumentation iſt die beveits

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angedeutete Inkonſequenz. Im vorigen Falle, da Hogel es jo Leicht hatte, jich mit einer einfachen Streichung zu begnügen, joll ex jtatt des Unfinns, den er entfernte, ein anderes hiſtoriſches Stück eingeflickt und außerdem noch einen ganz unbedeutenden Nebenumſtand hinein- getüftelt haben, hier aber jollte er einen unhiftorifchen Umstand, trogdem er in der Vorlage auf das jtärffte Herausgearbeitet iſt, einfach fallen lafjen, während doch gerade hier für den hiſtoriſch-grübelnden Stopf, der Hogel nach der faljchen Annahme ift, eine ganz leichte Korrektur jich bot: ex brauchte nur jtatt Kaiſer König zu jeßen; jeit 1531 jaß in Prag der römische König Ferdinand I. Will man aljo die gegen Hogels Charakter verjtogende Annahme einmal machen, daß er ein mit philologijcher Afribie ausgerüfteter Nejtaurator des alten Sagen- bildes gewejen jei, dann müßte man wenigjtens fonjequent verfahren fünnen. So aber fünnen jolche Einwände die auf anderem Wege wahrjcheinlich gemachte Behauptung nicht erſchüttern, daß Hogel und das Fauftbuch auf eine gemeinjame ältere Quelle zurücgehen.

Hierfür Spricht auch ein Grund, der jchon Dinger veranlapt hat, in einer Anmerfung jeine eigene Meinung anzuzweifeln. In der Einleitung zum erjten Erfurter Kapitel im Fauſtbuch heißt es: „wie noch etliche Berjfonen beim leben, die jn wol gefandt, jolche Ebentewr von jhm gejehen, auch mit jm gejjen und getrunden haben.“ Selbſt wenn wir annehmen, daß Fauſt nach dem „jahre 1513 noch einmal in Erfurt geweilt habe, iſt es nicht vecht zu glauben, daß die Angabe für das Jahr 1559 noch wahr gewejen jei. Man kann vielmehr Dünger darin beiftimmen, daß ſich dieje Angabe aus einer Notiz einer älteren handjchriftlichen Borlage eingejchlichen haben muß. Dieje Worte mußte Dogel, wenn er auch ſonſt jeine Vorlage auf das genauejte bewahrte, fortlaffen: daß im ‘Jahre 1650 ein Bekannter Fauſts noc) am Leben, fonnte ex beim bejten Willen, jeiner Borlage treu zu jein, nicht behaupten.

Hiermit find die hijtorischen Indizien aus den Unterjchieden der beiden Fafjungen erjchöpft. Wir wenden uns num zu den Unterjchieden, die ich die technifch-novelliftifchen nannte. Wir können und müſſen diefe im ganzen abmachen. Nur einige Beijpiele jeien angeführt. Ueberall zeigt jich das Fauſtbuch veicher als Hogel: wenn Fauſt fragt, welchen Wein man. haben wolle, heißt es im Fauſtbuch: jemand antwortete „lachend,“ fie jeien alle gut. Wenn Fauſt jich durch die Bitten der Gäfte zweimal zur Verlängerung feines Aufenthalts bewegen läßt, macht ex jedesmal einen Sinoten. Wenn er dann das Haus verläßt, wird erwähnt, daß man ihm jein Pferd vorzieht. Wenn er dann ſelbſt feine Gefellfchaft gibt, heißt es: um ſich zu befreunden und um zu danfen. Wenn der legte Teufel erſcheint, heißt es: „Tab

Euphorion II. 4

50 ©. Szamatolsti, Fauſt in Erfurt.

er gar jawer ins Feld.” Wenn Fauſt mit Klinge disputiert, heißt es: hörte er mit Fleiß zu, bis dev Mönch geendet hatte und jagte dann.

Yauter kleine Züge, die entbehrlich find. Es erhebt jich nun die Frage: ift es möglich, daß Hogel all das nur fortgelafjen Hat, oder hat das Fauſtbuch Zufäge zur urjprünglichen Faſſung gemacht? Man fünnte hier jagen, der Chronitjtil habe eine Zujammenziehung und Auslafjung erfordert, Dogel habe alles Entbehrliche ausgejchieden. Dagegen ift zu erwidern, daß Hogel, wie bewiejen, jeine Borlage genau wiedergeben will und viel nebenjächlichere Umſtände als die eben erwähnten anführt. Es ijt vielmehr anzunehmen, daß das Fauftbuch Erweiterungen einer gemeinfamen Vorlage vorgenommen hat. Hierfür jpricht noch bejonders, daß wenigjtens zwei Stellen, die das Fauſtbuch vor Hogel voraus hat, unmöglich in der urjprünglichen Sage gejtanden haben können: in den Abjchnitten vom HYauberpferd und die von den verlorenen vömijchen Komödien.) Aber nicht nur deshalb ift der Weg von der knapperen zur veicheren novelliftiichen Darjtellung wahrjcheinlich, weil das Fauſtbuch nachweislich fich Zujäße erlaubt, jondern auch durch die Analogie der weiteren Entwicklung bei Widmann und Pfißer. Stets erfährt das Novellijtiiche Berjtärfung. So wird jpäter 3. B. der Yuftritt auf der Rückreiſe damit motiviert: die Stadtthore jeien noch verjchlofjen gewejen; oder wenn der Diener Fauſt auf der Straße am Abend erkennt: es war Mondjchein . .

Hieran fünnen wir endlich einige jprachliche Erörterungen jchließen.

Erinnern wir ums, daß nach allem bisher Gejagten Hogel eine Quelle aus der Mitte des 16. Jahrhunderts benußt haben muß, daß ex jelbjt in dev Mitte des 17. jchrieb, endlich daß er fich pedantijch genau jeiner Vorlage anſchloß, jo wird man jehen, daß auch Die jprachliche Gejtalt der Hogeljchen Darjtellung für einen Indizienbeweis in Betracht fommt. Man wird fragen müfjen: kann die Gejchichte, wie jie bei Hogel jteht, formal auch dem 16. Jahrhundert angehören? Und ferner, finden fich bei Hogel Formen, die durchaus für das 16. entjcheiden? Die erjte Frage ift nicht nur von mir, jondern auch

) Szamatolsti meint die bei Hogel fehlende, bei Widmann (Klofter 2, 514; vgl. Pfiter ©. 302) auf die erften ſechs Worte reduzierte Stelle (Braune ©. 135 u.): „Es war aber ſein Geift Mephortophiles, der, wie oben gejagt, fi zu weilen in ein Pferd mit Flügeln, wie der Poeten Pegajus verwandelte, wenn Fauftus eilends verreifen wollte”, womit auf die viel profaifcheren Worte des erſten Anonymus zu Anfang des 26. Kapitels zurückverwieſen wird: „Derhalben fih M. zu einem Pferde verfehret und veränderte, doch hatt er flügel wie ein Dromedari.“ Den Fauftbüchern eigentümlich ift auch das Knotenknüpfen (Braune ©. 136). Szamatolsfi meint ferner die pedantifche, mit einem Verweis auf Aufonius u. ſ. w. ausgeftattete Einleitung des Promotionsfapitels (Braune ©. 132), das Widmann und Pfiger übergangen haben; doch fennt Pfizer die alte Ausgabe. E. S,

©. Szamatolsti, Fauft in Erfurt. 51

einem der bedeutendjten Kenner unſerer Sprachgefchichte bejaht worden. Für die zweite Frage fommt noch die Einſchränkung hinzu, daß Die bezeichneten Stellen nicht im Fauſtbuch jtehen dürfen, da jonjt immer noch Einfluß von diefem geltend gemacht werden könnte.

Zwei jolche Stellen kann ich aufzeigen. Die erjte iſt eben jene, die ich jchon aus hiſtoriſchen Gründen auf eine ältere Quelle zurücführte: „Nun fich denn der Zauberer zum under im Ender, der ein Papiſt war, hielte. Als ward Anleitung gegeben“ u. j. w. Hier it die Interpunktion Hogels von großer Wichtigkeit. Er ſetzt hinter „hielte“ (aljo am Ende des Nebenjages) einen Punkt, und beginnt dann mit großem Buchjtaben einen meuen Sat mit „Als“ wie wenn es jich um ein temporales „Als“ handelte. In der That aber ijt dies „Als“ Fonjefutiv wie „aljo“ oder unjer „jo.“ Wie fommt num Hogel, der jonjt auch in der Interpunktion jeine Genauig- feit durch Korrekturen beweiſt, zu diejer ſeltſamen Verwirrung? Schlägt man Grimms Wörterbuch auf, jo findet man, daß dieje Verwendung von „als“ im Sinne des fonjefutiven „jo“ eine zwar im 16. Jahr— hundert gewöhnliche Erjcheinung ift, die jedoch im 17. jchtwindet.

Die zweite Stelle ift ein einzelnes Wort in der Einleitung. Fauſt wird genannt: „verzweifelter hellebrandt.“ In dieſem Kompoſitum ift der erſte Beftandteil auffallend. Schlägt man wiederum den Grimm auf, jo findet man: im 16. Jahrhundert faſt durchaus „helle,“ aber bei Fiſchart jchon vorwiegend „hölle“ ; im 17. dagegen verliert ſich „helle“ ganz. Aber mehr noch als der Vokal jpricht für das 16. Jahr— hundert die Endung. Aus ihr fann man einen entjcheidenden Schluß auf den Urjprung im 16. Jahrhundert ziehen. Die Deklination iſt mhd. ftarf; im 16. wird fie vorwiegend ſchwach. Yuther hat „aljo nur noch teilweiſe „hellebrant,“ meift aber ſchon „hellenbrant“ u. |. a. Sm 17. Jahrhundert ift „hellebrant“ ohne direkten Einfluß einer alten Vorlage unmöglich.

So zwingt mich denn eine ganze Kette von Indizien zu dem Urteil: Hogel und das Fauſtbuch haben eine gemeinjame ältere Vor— lage, eine Chronif aus der Mitte des 16. Jahrhunderts. Sollte ich aber ein jo bejtimmtes Werk nicht finden lafjen? Die rechten Zeugen, die wir zu vernehmen haben, jind natürlich die beiden Kinder des gefuchten Baters: Hogels Chronik und das Fauftbuch. Das Fauſtbuch gibt, wie man weiß, feinerlei Auskunft. Und auch Hogel nicht in unmittelbavem Bezug auf jeine Erzählung vom Fauſt. Wenn wir aber die umliegenden Jahre nach Quellenhinweifen durchjehen, jo finden wir eine Spur, der wir nachgehen müſſen. Unter dem jahr 1556 lefen wir die Worte: „Wolf Wambach, aus dejjen Kontinuierung der Erfintifchen Chronifen bißher manches erzehlet worden“ und unter

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52 S. Szamatolsti, Fauſt in Erfurt.

dem Jahr 1542: „Diejer (Pfarrer zur Regularn Georg Ingweiler) hatte einen Schwager, nahmens Wolf Wambach, der war ein achtfnecht, befam exjtgedachten verjtorbenen Pfarrers (Kilian Reichmann) Teutſche Erfurtiſche Chronikam, und continuierte ſie fleißig.“ Alſo eine Chronik von 1542—1556, die Hogel nach eigenem Geſtändnis für den Zeit— vaum benußt hat, innerhalb dejjen er die Fauſtgeſchichte erzählt. Anlaß genug, auf diefe Chronif als Quelle der Faujtfapitel zu fahnden. Doch vergeblich! An der Hand der trefflichen Arbeit von Herrmann !) gelangen wir zu der betrübenden Erkenntnis, daß Die Neichmann- Wambachjche Chronik verjchollen ift.

Ueber diefen Verluft müſſen wir um jo mehr klagen, als eine ganze Neihe neuer Indizien unjere Bermutung bejtätigt, daß Wambach der Gewährsmann für Hogel und das Fauftbuch war. Wir bejigen ein chroniftiiches Wert Wambachs aus der Zeit, da er noch nicht an der Fortjeßung des Neichmann arbeitete. Und dies zeichnet jich nach dem kundigen Urteil von Herrmann dadurch aus, daß es von poetijchen Vorfällen berichtet, die feine andere Chronik fennt. Das jtimmt voll- fommen dazu, daß die Fauftgejchichten von feiner anderen Chronif des 16. Jahrhunderts gemeldet werden. Sehen wir num dieje Aufzeich- nungen einmal durch, jo finden wir in den jonjt ziemlich abgerijjenen Kotizen als längſte Gefchichte die Erzählung von den Gejtändnifjen eines Mannes, der fich dem Teufel verjchrieben Hatte. In ganz unchroniftiicher Weile wie Dünger jagen würde laßt er den Dann erzählen; dem Teufel habe die rote Zunge herausgehangen wie einem lechzenden Hunde, und Augen habe er gehabt wie ein paar Käſenäpfe. Was liegt näher, als daß derjelbe Wambach ähnliche Gejchichten auch in fein zweites Werk aufnahm, jobald er jolche hörte.

Und wir fünnen mit ziemlicher Sicherheit bejtimmen, nicht nur daß jondern auch wann und von wen Wambach die Yauftgefchichten vernahm.

Jene Notiz bei Hogel, die Wambachs Kontinwierung anführt, erwahnt Wambach in amtlicher Ihätigfeit: am Mittwoch nach Yaetare 1556 reiſt Wambach als Achtfnecht des Nates von Erfurt in gericht-

) Herrmann gedenft ©. 142 eines Convolutes erhaltener Aufzeichnungen SB ambachs, ftellt, die zwei Belegſtellen Hogels anführend, den Verluft des Originals der „contimmierten“ Chronik feft, vermutet aber in unklaren Ausdrüden, daß Die Alain: einer anderen auf uns gefommen fei. Von Wambach erzählt Herrmann, daß er „1507 wahrſcheinlich zu Groß-Rudeſtedt geboren, in jeiner Jugend verjchiedene Schulen, in Groß-Rudeſtedt, Sala: und Halle, beiuchte, ſodann Knecht (Diener) in Erfurt wurde, von dem Knechte eines Dieners zu den Neglern 1524 jelbjt zum Kirchner an diefer Kirche vorrüdte und jpäter einer der Achtfnechte (Nats- und Gerichtsdiener) der Stadt Erfurt wurde.“ ©. 379 Iehrt, daß die Familie Denftädt 1700 ausjtarb, E. S.

S. Szamatölski, Fauft in Erfurt, 55;

lichen Angelegenheiten nach Schmalfalden in Begleitung eines Mannes, der als höherer Beauftragter des Nates hingeht, als ehemaliger Kirchner und Natsmeifter ; und diefer Mann heit Junker Georg von Denſtett.

Es läßt ich leider nicht feititellen, in welchem Verwandtſchafts— verhältnis diefer Georg zu Wolfgang von Denftett jteht. Aber es ift nach genauen Prüfungen jehr wohl möglich, daß ex mit jenem Georg von Denftett identijch ift, der 1510 mit Wolfgang zufammen am Aufruhr ſich beteiligte, fliehen mußte, wieder heimfehrte und mit Wolfgang zujammen die ganze Stufenleiter jtädtifcher Ehren durchlief. Georg don Denftett war ficher in der Gejellichaft des Wolfgang von Denjtett umd gehörte jicher zu den Yeuten, die mit Fauſt zuſammen jpeiften und zechten. Die Thatjache, daß drei von den Erfurter GSejchichten im reife der Denftetts jpielen, jtimmt vorzüglich dazu, daß es ein Denjtett wäre, der die Gejchichten jeinem Unterfollegen im Nate, dem Chroniften Wambach erzählte.

Und weiter! Läßt man in der Chronik von Hogel den Blic von der Notiz über die Reiſe Denftetts und Wambachs auf die andere Seite hinübergleiten, jo findet man dort folgende Notiz: „Dr. Kunrad Klinge der Münch jtarb heuer“ oder genau am en nach Deuli 1556, d. h. genau acht Tage vor der erwähnten Reiſe.) Das war der aftuelle Anlaß für Junker Denftetts Mitteilungen aus jeiner Familiengeſchichte.

Und bei dem Tode Dr. Klinges, unter dem Jahre 1556 muß Wambach auch die Fauſtiana aufgezeichnet haben als Ereigniſſe, die vor „etlichen Jahren“ geſchehen ſeien. Sp kam Hogel, der von Fauſts Lebenslauf nichts wußte, dazu, bei der chronologiſchen Ein— ordnung dieſer Geſchichten ſie nach Gutdünken nun bis zur nächſten runden Zahl, d. h. 1550, zurückzuſchieben. Er ſagt anfangs: „Ferner mag es auch wol um dieſ Zeit und Jahre geſchehen ſein“, und am Schub: „doch mag jich diejes mit jolchem Zäuberer in dieſem Jahre,

1) „Auch grif Gott der Herr obgedachten verftocten Mönch und Guardian im Franziscaner Klofter zu Erfurt D. Klingen mit ſchwerer Krankheit an, daß ev fich feines Lebens erwegte. Er fam aber wieder auf, und weil ihm vorbracht worden, man bette von ihm in der Stadt ausgefprengt, alß ob ev Lutheriſch were morden, jchrieb und publicierte ev deshalben fein Buch Catechismus Catholieus genant, und anno 1570 zu Cöln gedruct, und bezeugt ev im der Borrede er wolte bey der lehre, die er nu 36 Jahr zu Erfurt gepredigt, bleiben, ete. Und diß der Mönch gewefen, der den berufenen D. Fauſten von feinen böjen leben ablenden und befehren hat wollen: welcher D. Klinge aber hernach anno 1556 am Dienftage nah Oculi geftorben: am welchem Sontage ev noch zu umnferer lieben frawen gepredigt hatte, und liegt drumb alda gegen der Cantzel über begraben, da man fein Grabichrift ſiehet.“ Diefe Notiz fand fich mit der bloßen Bezeihnung „1554* unter Szamatolstis Papieren. Sie ftammt, wie mir Herr D. Bärminfel auf eine Anfrage beftätigt, aus Hogels Chronif. E. S

54 S. Szamatölsti, Fauft in Erfurt.

oder furk vorher oder hernach bey D. Klingen Yebzeit noch zugetragen haben.“

ch faſſe die Ergebniffe zufammen: Motjchmann jchreibt Hogel aus, die Quelle für Hogel und das Fauftbuch ift die verjchollene Erfurter Chronif Wolf Wambachs, Hogel bietet eine urfprünglichere Seftalt als das Fauftbuch, die Erfurter Kapitel in Hogels Faſſung find, wie jchon Faligan unter Benußung der fragmentarifchen Mit- teilungen Motjchmanns gethan, aus der Sage im engern literarifchen Sinn auszufcheiden und den Zeugniffen über den hiſtoriſchen Fauſt uzumeifen. Damit ift ein alter Wunſch der Fauftforjchung wiljen- Ichaftlich efüllt, denn all den halbgejchichtlichen Kunden vom Doftor Fauſt fehlte bisher der höhere geiftigere Zug, während nunmehr die Erfurter Berichte über Fauſt den Humaniften und Fauſt im troßigen Geſpräch mit Klinge eine alte, an den Hiftorijchen Yandfahrer unmittel- bar anfnüpfende idealere Auffafjung ergeben.

Hogels Erzählung.

„Ferner mag es auch mol umb diefe Zeit [1550] und Jahre gefchehen jeyn, was fih zu Erffurt mit dem beruffenen Schwargfünftlev und verzweifelten hellebrandt Doctor Fauſten vor ebenthewr fol zugetragen haben. derſelbige, wiewol ev zu Wittenberg wohnte, iedoch wie er mit feinem unruhigen geifte ſonſten immerdar im dev welt herumb vagirte, alfo fand ev fih auch zu Erffurt bey der Universitet ein, mietete bey dem großen Collegio in der nähe ein, erlangte mit feinem großjprechen fo viel, dz er fih auf offentlicher cadethra hören dorfte laffen, umd den Griechifchen Posten Homerum den Studenten ercklären; und inden er hierbey des Königs zu Troja Priami und derer Kriegshelden Hectors, Aiar, Ulysien, Agamemnons und mehr anderer zu erwehnen anlaß hatte, befchrieb er fie jede wie fie ausgefehen hatten. Wurde gebeten, (wie es denn vorwitzige burſche gibt, und was hinter ihm jtad, nicht gar verborgen war,) er wolte es durch jeine kunſt dahin bringen, dz fie dümen, und ſich alfo jehen möchten lagen, wie er fie ihnen gleichſam vorgemahlt hatte. dz fagte er ihnen zu, beftimte fie auf die nechjte zeit ins auditorium, umd fagte, da die ftunde kommen, und ſich mehr Studenten, als zuvorn, bey ihm eingeftellet hatten, mitten in feiner leetion, nur ietzt folten fie die alten Griechischen helden zu jehen befommen. Flugs rief er einen nach dem andern hinein, und trat tet diefer, darnach ein ander, wenn jener wieder hinaus war, zu ihnen daher, ſahe fie an, und ſchüttelte feinen Kopf, wie wenn ev noch vor Troja im feldt agirte. der letzte unter allen war dev Rieſe Polyphemus, der nur ein einig fchredlih groß auge mitten an feiner Stirn hatte, trug fih mit einem langen fewerrohten Barte, fraß an einem Kerl, und ließ deßen jchendel zum maule herauszoten; jchredte fie mit jeinem anblide, dz ihnen allen die haar gen berge ftunden, und wie D. Fauſt ihm hinaus zu gehen windte, thäte er, wie wenn ers nicht verftünde, [und] jondern ihrer auch ein bohr mit jeinen zähnen anfaßen wolte: ftieß mit feinem großen eifernen ſpieß auf den Erdboden, dz ſich dz ganze Collegium davon erjchütterte, und machte fich drauf wieder dapan,

&. Szamatölski, Fauft in Erfurt. 99

Nicht lange darnach ward eine promotio Magistrorum gehalten, undt bey derjelben [dabey angeftelleten prandio]) in beyſeyn derer von der Theologischen Facultet und des Rahts Gefandten, von der alten Poöten Plauti und Terentii comoedien discurrirt, und geflagt, dz derenfelben jo gar viel vor zeiten ſchon verlohren weren worden, derer man fi) doch, wenn man fie haben fönte, mit nut bey den Schulen wol brauchen fönte. D. Fauſt hörte zu, hub auch an von beiden Poöten zu reden, erzehlte etliche Sprüche, die in ihren verlohrnen Comoedien ftehen folten, und erbot fi, wo es ihm ohn gefahr, [feyn], und den Herrn Theologen nicht zumieder ſeyn folte, die verlorne Comoedien alle wieder an dz liecht zu bringen und vorzulegen auf etliche ftunden lang, da fie von etlichen vielen studenten oder ſchreibern geſchwinde müſten abgejchrieben werden, wenn man fie haben wolte, und nachfolgends möchte man ihrer mügen, wie man wolte. Die Theologen und Rahtsherren aber liegen ihnen ſolchen vorjchlag nicht gefallen: denn, jagten fie, der Teufel möchte in jollche newerfundene Comoedien allerley ärgerliche fachen mit einfchieben, und man fünte doch ja auch ohn dieſelben aus demen, die noch vorhanden weren, gnung qut Yattein lernen. Dorfte alfo der Teufelsbanner hierinnen fein meifterjtücd ſehen laßen.

Sonften pflegte ev fi die Zeit über, weil er zu Erffurt war, viel und oft in der Schlüßergaßen zum Ender bey Junder N. aufzuhalten, und ihn famt feiner gejelfchaft mit feinen ebenthewren zu beluftigen. Er war aber einsmals gen Prag in Böhmen gefahren, und nichts dejtoweniger hette ihn folche geſellſchaft, da fie inmittelft daſelbſten beyſammen war, gern bey fich gehabt, der wirt mochte gleich jagen, wo er war: umdt vief ihm einer fchertsweife mit nahmen, und bat ihn, er wolte fie nicht verlaßen. Indem Flopft eines auf der gaßen an die thür. - der Haußfnecht laüft ans fenfter, [und] queft, und fraget, wer da ſey. Sihe da fteht D. Fauft vor der thür, helt fein pferd bey der hand, wie wenn er erſt abgeftiegen were, und fpricht: kenneſt mich nicht? ich bins, den fie jet geruffen haben. der Knecht lauft in die Stube, und fjagts. der [Herr] Wirt wils nicht glauben, denn D. Fauſt jey ja zu Prag. Indem pocht er noch einmal an die thür. da lauft herr und fnecht wieder ans fenfter, jehen ihn, machen auf, und wird er Schön empfangen, und bald zum gäften geführt. des Wirts john nimt fein Pferd, fagt, er wolle ihm ſchon futter gnung geben, und führts in ftall. D. Fauften fragt der under bald, wie er fo geſchwinde wiederfommen jey. Da ift mein Pferd gut dazu, fagt D. Fauſt: meil mich die herrn Gäfte jo fehr begehrt, und mir geruffen, hab ich ihnen wilfahren und ericheinen wollen, wiewol ich noch vor morgen wieder zu Prag jeyn muß. drauf trinden fie ihm einen guten rauſch zu, und, wie er fie fragt, ob fie auch gern einen frembden Wein mögen trinden, jagen fie, Ja. Er fragt, ob es Nheinfal, Malvafier, Spanifcher oder Frantenmwein fezn folle. Da fpricht einer [corrigiert aus: So ſpricht da], Sie find alle gut, Bald fordert er ein börl, macht damit in dz Tiſchblat vier Löcher, ftopft fie alle mit pflöcklein zu, nimmt friſche gläfer, und zäpft aus dem tifchblatt jenerley Wein hinein, welchen er nennet, und trinckt mit ihnen darvon luftig fort. Indeßen läuft der Sohn im Haufe in die jtube; jpricht, Here Doctor, ewer Pferd frißt wie wenns toll were: es hat mir jchon etliche ſcheffel haber gefreßen] verſchluckt, fteht und ficht ftets, wo ſein mehr jey; ih mil ihm doch noch mehr geben, dz es fatt habe. Yaft dz bleiben, jagt der Doctor, e3 hat gnung befommen, es fräße euch alle ewer futter vom boden, che 8 voll würdt. Zur Mitternacht aber thut dz Pferd ein hellen Schrey, dz man es durch dz gante hauß hört. Sch muß fort, fagt der Doctor; läft ſich doc) halten ein wenig, bis es zum andern, und lett zum drittenmal fchreyet. drauf geht er fort, nimt draußen feinen abjchied von ihnen, fett fich aufs Pferd, veitet die Schlöffergaffe hinaufwerts. dz Pferd aber ſchwingt fich zuſehens eilends in

56. S. Szamatölsfi, Fauft in. Erfurt.

die höhe, und führt ihm durch die luft gen Praga wider zu. Nach etlichen Wochen fomt er wider von Prag gen Erfjurt mit herlichen ihm dort verehrten presenten, bittet jene Gejelfchaft zu fih bey S. Michael zu gaft. Cie fommen, umd ftehen da num in dev Stuben: da ijt aber gar feine Zuſchickung nicht. Er aber flopft mit einem meßer an den tiſch. Bald trit einer hinein, und jagt: herr, was [ift?] wolt ihr? Er fragt: Wie behende biftu? Jener antwortet: Wie ein Pfeil. O nein, jagt D. Fauft, du dienſt miv nicht. gehe wieder, hin, wo dur biſt herkommen. Darnach klopft ev aber, und wie ein ander Diener hinein— tritt, und fragt gleichfals, Spricht er: wie jchnell biftu denn? Wie der Wind, jagt jener. Es ijt wol etwas, jpricht D. Faust, läft ihn aber auch wieder hinaus— gehen. Wie ev aber zum drittenmal Hopfte, da trat einer hinein, und jagte, als er auch jo gefragt wird, ev were jo geichwinde, als dev Menjchen Gedanden weren. da recht, jagte D. Fauft, Du wirjts thun: gieng mit hinaus, befahl ihm, wz er thun folte, gieng wieder zu feinen gäften, ließ fie waßer nehmen, und fich jeten. Bald brachte der diener jelb dritte, ein ieder drey gededte jchüßeln voll: und dz geihah viermal: wurden aljo 36. gerichte oder ſchüßeln aufgetragen, mit wildpret, vogeln, gemüßen, Pajteten und andern fleifche, ohn des obſts confects, kuchen etc. Alle becher, [und] gläfer und Kandeln wurden leer auf den tiſch geſetzt: bald. fragte D. Fauſt, wz einer wolte trinden von biev oder wein, fette drauf dz geſchirr vors fenſter; und bald nahın ers wieder voll eben des geträndes frifch, welches man haben wolte. Die music, jo einer feiner Diener fpielte, war beides fo lieblich, dz dergleichen von den gäften nie gehört worden, und jo wunder— li), wie wenn ihr etliche auff positiven, querchpfeiffen, zinden, lauten, harfen, pojaumen ete. zufammen jtimmeten. So waren fie bis an den hellen morgen luſtig. Wz jolte gefchen ?!) ES machte der mann der poßen fo viel, dz die Stadt und dz land von ihm fchwatste, und manche vom Adel auf dem lande ihm gen Erffurt nachzogen, und begunte ſich die jorge zu finden, es möchte dev Teufel die zarte jugent umd andere einfeltige verführen, dz fie auch zur Schwargen kunſt luſt befämen, umd fie vor eine geſchwindigkeit nur halten möchten. Nun ih dann der Zäuberer zum Junder im Ender, fo ein Papiſt war, bielte. Als ward anleitung gegeben, dz fi doch der benachbarte mönch D. Klinge au ihm verjuchen möchte, ob er ihn vom Teufel reißen und befehren möchte. Diejer Franeiseaner thäts, fand fich mit herbey, vedte erft freundlich, jo dann hart mit ihm: erklärte ihm gottes zorn und ewig verdammis, jo ihm auf ſolchem weſen jtünde: jagte, ev were ein fein gelehrter mann und fönte ſich mit got und ehren wol mehren jonjten: drumb ſolte ex ſich folcher leichfertigfeit, dazu ev viel- leicht in feiner Jugend, durch den Teufel bereden hatte laßen, abthun, und Gott jeine Sünde abbitten: folte hoffen, er würde alfo vergebung feiner Sünde erlangen, die Gott feinem noch verſchloſſen hette. D. Fauft jagte: Mein lieber Herr, ich erkenne, dz ihrs gene gut mit mir jehen möchtet: weiß auch dz alles wol was ihr mir ietzt vorgefagt habt: Ich hab mich aber jo hoch verjtiegen, und mit meinem eigenen blut gegen dem Teufel verſchrieben, dz ich mit leib und Seel ewig ſein ſeyn wil: wie Fan ich denn nu zurüd? oder wie fan mir geholfen werden? D. Kling ſprach: Dz fan mol gejchehen, wann ihr Gott umb gnade und barmbersigfeit ernftlih anruft, wahre vew und buß thut, der Zauberey und gemeinschaft mit den Teufeln euch enthaltet, und niemanden ärgert, noch verführt: wir wollen in unſerm Klofter vor euch Meß halten, dz ihr wol jolt des Teufels loßmwerden. Meß hin, Meß her, ſprach D. Fauft: meine zufage bindet mich zu hart: jo hab ich gott muthwillig verachtet, bin meineydig und trewloß an ihm

1) Das Vorige ercerpiert Motjchmann nur, das Folgende drudt er ab, mit geringen Abweichungen im Anfang und am Ende: „Hierauf ward der Rath auch davon berichtet, und Kauft aus Erffurth geſchaft. Bis hierher gedachtes Chronicon.“ E. S,

M. Rubenſohn, Dev junge Opit. 57. -

worden, dem Teufel mehr gegläubet und vertramt, denn ihm: darumb ich zu ihm mit wieder Fommen, noch feiner guaden, Die ich verſchertzt, mich getwöften kann: zu dem were es nicht ehrlich: noch miv vühmlich nachzufagen, dz ich meinem brief umd Siegel, dz doch mit meinem blut gejtellet, wiederlauffen folte: jo hat mir der Teufel vedlih gehalten, wz ev mir hat zugejagt, darumb wil ich ihm auch wieder vedlich halten, wz ich ihn hab zugejagt und verjchrieben habe. Ey, jagt der mönd, jo fahre immerhin, dir verfluchtes Teufelsfindt, wenn du div ie nicht wilt helfen laßen, umd es nicht anderft haben. Gieng drauf von ihm zum magnifico Rectore und zeigte es ihm an. Hierauf ward der Raht auch von der jachen berichtet, umd von ihm verfchaffung gethan, d3 D. Fauſt den ſtab fürder ſetzen muffte, und ward alfo Erffurt des böſen menjchen lo. doh mag fich diefes mit ſolchem Zäuberer in diefem Jahre, oder Furt vorher oder hernach bey D. Klingen lebzeit noch zugetragen haben“ ...

Der junge Opik,

Bon Mar Nubenjohn in Berlin.

1. Alterie. Kiebes: und Dichterleben in Görlitz.

Als ich mich im verflofjenen Sommer mit Opigens Ueberjegungen aus der griechijchen Anthologie !) bejchäftigte, bemerkte ich nicht ohne Ueberwrajchung, daß der Dichter dem (gewiß mehr zur Dftentation als zur Belehrung) beigefügten „gelehrten“ Apparat?) eine Ausgabe der Anthologie zu Grunde legte, die zwar jämtliche Epigramme (gegen 3000) mit des Herausgebers (und anderer Gelehrten) lateinijchen Ueberſetzungen bringen jollte, aber ſchon nach den erſten fünf Centurien zu erjcheinen aufhörte und jo, zum Torſo geworden, weitere Beachtung und weitere Verbreitung nicht gefunden hat. Es iſt des Görliger Rektors Elias Küchler Ardoloyla dapsoow "Eriyoauudrov zahaov. Florilegium

1) Florilegii variorum epigrammatum liber unus, Gedani 1639 liber alter, Gedani 1639; 4 Monate liegen die Bücher auseinander.

2) Sp gleich zum erſten Epigramm: Ex Anthologiae Graeeorum epi- grammatum libro primo. In vitam humanam, Tit. XIII (= Anthologia Palatina IX 559). „Posidippi, siue ut aliis placet, Cratetis Cyniei.“ Griechiſcher Text. Lateiniſche Ueberſetzung J. Scaligers (darüber ſieh meine Aus- gabe). „Idem Epigramma Latine reddiderunt Ottomarus Luscinius, Casp. Ursinus Velius, Georg. Buchananus, Elias Cuchlerus, Erasmus Roterodamus paullo liberius, ac forte alii. Respondet illi et Ausonii Eeloga de vita humana.“ Deutjche Ueberjetung. Die Note ift bis auf das duch den Druck Hervorgehobene aus Cüchler entlehnt, nur daß diefer auf Die Autorennamen auch die entiprechenden Ueberfegungen folgen läßt.

58 M. Rubenfohn, Der junge Opit.

diversorum Epigrammatum veterum in Centurias distributum. Opus nov-antiquum, Lusatiae literatae sacr. Versione Latina gemina, soluta et ligata (cum autoris perpetua, tum aliorum diversorum saepius intertexta) adornatum. Centuria prima. Gorlicii. Iohannls RhaMbae typl eXCUDebant.!) Aus demjelben Jahre 1618 ftammt noch die zweite Genturie, während die drei folgenden das Chronogramm 1619 zeigen.?) So fommt denn jener Apparat im ganzen nur 14 Epigrammen zu gute joviel gehören von den aus der Anthologie aufgenommenen (gegen 40) den fünf erſten Genturien an. Die Verwendung diefer Sammlung nun und der Umftand, daß man über den Aufenthalt unjeres Dichters während des Winters 1617/18 nichts Sicheres weiß Einzeldrude dieſes Zeitraums führen nicht, wie man erwarten jollte, nach Beuthen oder Frankfurt, jondern eher nach Görlitz Schienen mir die Kombination zu rechtfertigen, daß Opik

1) Die Widmung (12. Cal. Jun. A. C. 1618) ift von einem gewiffen Intereſſe: Illustrissimo et generosissimo heroi ae dn. Dn. Carolo Hanni- bali Burggravio de Dohna.. Sacrae Caesar. Maiest. a secretis eonsiliis et cubiculis, Marchionatus superioris Lusatiae Praesidi di- gnissimo, domino et Mecaenati suo submisse eolendo. In der in Diſtichen verfaßten Zufchrift heißt e8 von den einzelnen Centurien: Quas Patriae visum Diis tutelaribus atque / Omnigena cultis arte sacrare viris. | Quos inter » virtus alios tua praeterit omnes....... | Regia eui Camerae commissa negocıa (alfo nicht erſt 1621, wie im den Biographien fteht), ceuius / Consiliis Magni Caesaris aula viget, / Cui data Lusatiae imperitandi plena potestas | Caesare sie fasces distribuente soli. / Tu mihi primus ades Mecaenas optime . . . . Mit diefen Blätterıt wird deinen Namen noch eine fpäte Nachkommenſchaft leſen, das höchſte ift ja: Funere maiorem te superesse tibi. In Dohnas Familie war die Pflege literarifcher Intereſſen hergebracht. In Fibigers Silesiographia 8, 453 mwird von dem Vater, Abraham von Dohna, erzählt, in wie engem Bertehre er mit dem chlefifchen Dichter Andreas Calagius ftand (fieh Höpfner, Reformbeſtrebungen ©. 37); er ließ ihn 3. B. monatelang auf feiner Befitung Wartenberg wohnen. Auch Grotius (epistolae p. 100) vühmt in einem Schreiben an Salmaftus (5. DOftober 1630) die Yamilie: digna est, quae cordi sit literatis, cum ipsa, raro tantae nobilitatis more, literarum cultum literatorumque amieitiam plurimi semper fecerit. Zwei Mitglieder habe ex feinen gelernt (Achazius und Christophorus), die feien freilih im pietatis negotio constantes geblieben, Opitens Gönner aber fei Caesarianus adeo, ut et religionem domini induerit. Wie kann man nad diefer durchaus authentifchen Notiz (Opits war kurz vorher bei Grotius gewefen) zweifelt, ob Dohna von Kind auf oder erft jpäter, im Berlaufe feiner politifchen Thätigkeit, übergetreten ſei?

) Zu III und IV: eXsCrlpta st VDDIo Iohannls RhaMbae, zu V: eX oKICIna RhaMbaVlana proDlt. Die fonftigen Kleinen Differenzen der Einzeltitel brauche ich hier nicht anzuführen. Das Eremplar war mir von Herrn Oberlehrer Dr. Buchwald, dem Berwalter der Milichſchen Bibliothet zu Görlitz, freundlihft zur Verfügung geftellt worden. In Berlin ift das Bud nicht vorhanden, wohl aber in Göttingen (M 9380).

M. NRubenfohn, Der junge Opik. 59

in jenem Winter in Görliß verweilt, dort die Befanntjchaft mit Cüchler und dejjen Florilegium gemacht habe, ja von ihm geradezu zu einer Bearbeitung einzelner Epigramme veranlaßt worden jei. So erklärte ich es mir wenigjtens, daß ſich bereits in der erſten Ausgabe der Gedichte von Zinkgref (1624) eine Anzahl griechiſcher (meift erotiſcher) Epigramme in Ueberſetzung, auch eine beträchtliche Zahl nach Art dieſer Epigramme verfaßter Dichtungen (zu einem großen Teile freilich ſpäter fortgelaſſen) vorfinden !) und vor allem daß ſich der Dichter in einem an Balthaſar Venator gerichteten Carmen (Zinfgref ©. 14 f.) als einen Jünger und Schüßling des Haupterotifers der Anthologie, des Meleager von Gadara, bezeichnet, der jein neues Saitenjpiel (obe und fich ihn gar wohl gefallen lafje. Die angedeutete Vermutung ift, wie ich jofort nachzuweifen verjuchen werde, vichtig gemwejen: jte jcheint mir zugleich von einer damals gar nicht geahnten Tragweite zu fein für die Erfenntnis einer wichtigen Periode aus Opitzens Leben, für die vechte Auffafjung und Datierung einer nicht unbedeutenden Zahl jeiner lateinifchen und deutjchen Gedichte und endlich für die quellenmäßige Darftellung jeiner Metrif. Den Schlüfjel birgt ein fleines, auf der Berliner Königlichen Bibliothef (vergleiche Yindner, Opitz 2, 327), und zwar in zwei Gremplaven vorhandenes Schrift- chen von Opitz, das den Titel führt: Martini Opitii / Hipponax / ad Asterien / puellam formae & animi do /tibus longe amabi / lissimam. / Item Germanica quaedam / ejusdem argumenti. Gorlicii / lohannls Selbe typl eXCUDebant. Es ijt dies überhaupt die zweite von Opitz allein herausgegebene Schrift (voran geht 1616: Strenarum Libellus, Görlig) und, vom Ariftarchus und von einem fleinen Gelegenheitsgedichte abgejehen, die einzige des Jahres 1618, denn die übrigen in Görlig erjchienenen und die Glogauer und Beuthener Einzeldrude, die Defterley ?) aufzählt (Gentralblatt für Bibliothefswejen 2, 385 f.) enthalten nur Beiträge des Dichters. Die Vorrede ift an zwei Jugendfreunde gerichtet: „V. C. Casparo Kirchnero et Bern. Guilielmo Nüsslero, literatissimo adolescenti,

1) Auch PB. Ronſard Hat griechiiche Epigramme überjegt, und zwar ſchon in einer feiner früheſten Sammlungen (Liuret de Folastries, Paris, 1559), davon finden fih fünf aud bei Opitz, aber erſt in dem Florilegium von 1639. Irgend eine Beeinfluſſung habe ich nicht entdecken können. In Beuthen aber wurde wohl Theognis, nicht aber die Anthologie in der erſten Klaſſe traktiert, Hoffmann, Spenden 2, 62.

?) Defterleys Bibliographie der Einzeldrucke iſt gewiß ein ſehr danfens- wertes Unternehmen: hätte ev nur der Berfuhung widerjtanden, Die richt datierten aus Gründen, über die er Nechenjchaft nicht erſtattet, beſtimmten Jahren zuzuweiſen. Ich bin dadurch wiederholt in die Irre geführt worden, ſieh unten.

60 M. Rubenſohn, Der junge Opik.

amicis summis“!); fie ift wichtig, weil fie die Stimmung des Ver— faſſers und, freilich vecht verftect, jeine Yage erfennen läßt: Die Ruhe des Gemütes ift das höchſte Gut; fie durch wiljenjchaftliche Thätigfeit, durch das Studium der Philojophie zu erwerben und damit den einzigen Neichtum, der des Strebens wert jei, ſich zu verjchaffen, jei ev von Jugend auf bemüht gewejen. Wenn er daher jest noch an die Yiebe denfe und an ihre Freuden, in tam prolixa adolescentiae meae calamitate, jo jei das nicht verwunderlich. Denn da, wo es andere Affefte nicht gebe (perturbationes reliquae absunt), verjchaffe fich der freche Eindringling Amor am ehejten eine Stelle, er verlange gar feine Unterjtügung von anderen Dingen (nervos caeterarum rerum). Warum jolle er aljo den Kopf hängen laſſen? Habe doc) Sappho in eines Dichters Haus feine Traurigfeit dulden fünnen, viel- mehr nach Maximus Tyrius (VIII 96) nicht eben ungern mit dem jchönen Bathyllos, Smerdias und Ktleobulos (ſieh ©. 74) fich bejchäftigt. Man müßte denn meinen, jein Yiebehen (pellex) fünne jeine Armut (penia) nicht ertragen. Uebrigens jei wohl zu beachten, daß die Dichter wie alles, jo auch ihre Geliebten (amasiae) um eine gute Stilübung zu erhalten jich exrdenfen fünnten (jo jeien denn auch gewiß mehr Weiber entjtanden als durch die Steimwürfe der Pyrrha). Er Habe wenigjtens nur an Abjpannung jeines Geiftes gedacht; wäre ernſt gemeint, was ev mitteile, jo hätte er ja Gefahr gelaufen, daß die jungen Freunde, denen er jo das Geheimnis verraten, jeine Süßigfeit vor ihm und gar an jeiner jtatt Fojten fünnten. Die guten Bekannten werden natürlich gewußt haben, was von diefem Geſtändnis zu halten: daß ihr guter Opitz wieder einmal in ſüße Bande gejchlagen jei und im Dienjte dev Venus jeine unglücliche äußere Yage zu vergefjen juche. Denn daß es ihm jchlecht gehe, daß er die externa bona, die ev angeblich verachtet, auch in Wirklichkeit, und feineswegs zu jeiner und

1) Caspar Kirchner, Opitzens Better und Freund, wurde 1592 in Bunzlaı geboren. Sein Leben hat der Dichter jelbft in einem an Nikolaus Henel gerichteten Briefe befchrieben (Palm, Beiträge 186) ex memoria vel aliis: die Schulbildung genoß ev in der Baterftadt und in Breslau; er jtudierte in (Frankfurt und) Straßburg, wurde in Bajel zum Dichter gefrönt (1615). Dann trat er die übliche peregrinatio an, die ihn durch die Niederlande, Eng- land und Frankreich führte und mit Dan. Heinfius befannt machte. Ueber feine Rückkehr (Anfang 1618) nah Bunzlau und Heirat fieh unten. Nüßler wurde Februar 1598 zu Friedland in Böhmen geboren, von wo fein Vater 1610 als pastor primarius nah Bunzlau fam (F Dezember 1616); am 3. April 1614 in Frankfurt infkribiert, wurde er erſt 1616 vereidigt. In Görlitz war er Dornaus Schüler geweſen, fieh unten; ihm widmete ev von Bunzlaı aus (1. Januar 1618) feine Comparatio galli gallinacei cum prineipe (Görliß, 1618). Am 1. Juli 1618 war ev bereit$ bei dem Kanzler Geisler in Liegnit als Hauslehrer, fieh unten.

M. NRubenfohn, Der junge Opitz. 61

jeines Mädchens Freude, nicht befige, mußten ſie aus der Dedifation allerdings entnehmen. Wo aber befand jich dev Dichter? Das Widmungsjchreiben schließt mit den Worten: Utrum enim nuntius magis voti fiat compos, an qui misit, x0ons yobvası zeitau. Valete. E coenobio. Alſo aus einem Stlojter ift das Büchlein in die Welt gejendet. Was ift damit gemeint ?

As im Jahre 1616, am 18. Januar, für den im Sommer 1615!) von Görlig nach Beuthen zur afademijchen Ihätigfeit berufenen Caspar Dornau fein Nachfolger im Neftorat, der eben genannte Elias Güchler, der ſchon 23 Jahre an dei Anftalt unterrichtet hatte, in feierlichen Verfammlung eingeführt worden war, hielt er einen längeren Bortrag, den er zugleich mit der Inaugurationsrede des Görlitzer Syndikus ©. Glych von Milziz?) und funzen Reden zweier neuen Kollegen und was für ums wohl das Wichtigjte mit einem Curriculum studiorum scholae Gorlicensis vexöffentlichte (Actus Inauguralis. Gorlicii. Excusus typis Joh. Rhambae). Die übliche Zujchrift an verjchiedene Gönner fehlt nicht, fie trägt folgende sub- scriptio: Gorlicii ex Coenobio, Augusta Musarum sede, ipso die Gregorii M. Anno, quo InVIgILanDVM bonls LlIterls (1616). Mit Coenobium ijt demnach das Görlitzer Gymnaſium gemeint, das wie unten ausgeführt wird,“) im jahre 1565 in einem ſäkulariſierten

1) Nicht 1616: „ad operas Academicas superiore aestate evocatus“ jchreibt Cüchlev 1616. Der 18. Januar 1616 galt zugleich der Feier des 50jährigen Bejtehens der Anſtalt.

2) Milziz wurde im Sommer 1595 in Frankfurt immatrifuliert, aber nicht vereidigt. Er war mit Dornau verſchwägert; wenn er dieſen in feiner Jede ex certis causis scholae valedicere läßt, jo ſcheint ev damit auf feine „Schuhmüdigfeit“ anzufpielen, ſieh Neiffericheidt, Geiftiges Leben im Deutjch- land, Band 1 unter „Dornau“.

») In der vom 1. Mai 1566 datierten Borrede zu der Diseiplina et Doctrina Gymnasii Gorlicensis. Edita a Petro Vincentio Rectore (Gorlieii, a. MDLXVI) heißt es: lJaudem maximam mereri honestissimum consilium vestrum (des Magiftrats), quod captum vobis atque initum est, anno pene iam elapso, de aperienda Dei opt. maximi et Inuietissimi Imperatoris Diui Maximiliani II auspieiis, noua Scola, in qua patria adolescentia et simul extera iuuentus, si qua huc mitteretur, doctrina de Deo et optimarum artium ac virtutum diseiplina instrueretur. Ferner jcehreibt in der oben ſchon citierten praefatio El. Cüchler: Itaque basilicam hane fratrum olim religiosorum, sed ob temporum vicissitudinem tum pene desolatam et desertam ab Opt. Imper. Maximiliano II augustae memoriae, consentiente in donationem Antistite Loci Ordinario, non sine labore et impensis impetrarunt (magistratus): novisque ac neces- sariis exornatam aedificiis sedem Musis aptam eonstituerunt. Das Gym» naſium erhielt, zumal der Kaifer es alljährlich mit dev Summe von 200 Thalern interjtüßte, den Namen Schola Augusta. „Nlojter” wird das Gymnaſium

62 M. Nubenfohn, Dev junge Opitz.

Franzisfanerklofter errichtet worden war. Iſt jo durch die mitgeteilte Unterjchrift Opigens Aufenthalt in Görlig und was nicht weniger intereffant jein dürfte jein Domizil während desjelben bezeugt, jo wirft ein (zum Glück datierbares) Hochzeitsgedicht ein Licht auf jein Leben und Dichten in der Hauptjtadt der Oberlaufig. Das Carmen jteht in der im Jahre 1631 von B. ©. Nüßler veranftalteten Sammlung Opitzſcher lateinifchev Gedichte (Mart. Opitii Silvarum libri II. Epigrammatum liber unus. Francofurti) ©. 45. Ich muß den erſten Teil ganz herjeßen.

In nuptias Jacobi Gottfridi et Catharinae Emericae.!)

Nisse pater, foetis quem diva Lusatia pratis Et variis culta saltibus ambit humo: Et tu, nobilium quaedam regina locorum, Gorlicium, nostri stella corusca soli; 5 Si fas est sedesque meis vacat ulla Camoenis, Nos quoque post reliquos vatibus adde tuis Haud ego praeripiam vestris loca debita Musis: Sat mihi postremo non nisi fine legi. Meisteri summa facies statuatur in ora: 0 Huic par tam celebri nullus in urbe fuit; Seu facili puros elegos deducit avena, Seu, Flacco propior (!), grande figurat epos. Vendicat inde suo Mylius sibi iure triumphum: Cederet argutis Bilbilis ipsa iocis. ı5 Alcaei quoque sublimi rivalis in oestro _ Arnoldus reliquis non minor unus eat.

3. B. mehrfach in einem handfchriftlih erhaltenen Diavium genannt (Neues Laufiser Magazin 41, 102): 1592 „gefengnuß im Klofter“, 1595 „h. a. ward ein nen Klofterthor angelegt“. Die Görliger Programme fand ich hier in Berlin.

!) Die Emmrichs waren ein Görlitzer Patriziergeſchlecht; vergleiche (4. Hoffmannus, Scriptores rerum Lusatiearum (Leipzig, 1719) 1, 414 fi.; 2, 63; 2, 77 und 81. Ein Johann Emmrich „Civis Romanus, Comes Palatinus“ ift 1613 Seabinus und 1617 und 1620 Consul. Auch der Er- bauer der Kreuzkirche (1489) war ein Emmrich. Auf diejelbe Hochzeit bezieht fih übrigens ein Opitjches Anagramm (Zinkgref, S. 99): „Katharina Emm- che An jhren Hochzeiter Herrn Gottfried Jacobi“ (Jacobus Gott- fridus ift ein Berfehen). Auch letsterer (Sommer 1610 unvereidigt in Frankfurt immatrifuliert: Godfridus Jacobi Gorlitzensis) war aus veiher Familie: er hatte ein Landgut Leichwit 3. 56, gegenüber der Yandesfrone (fieh unten) 3. 73, fein alter Bater lebte noch 3. 9. Eine veiche Mitgift bringt ihm die Braut 3. 111 f.

M. Nubenfohn, Der junge Opib. 63

Cüchleri!) numero titulus ponatur ab isto, Quem referet Latiis Graecia versa modis.

Post alios aliosque, quibus tua gloria surgit 20 Vindicibus, nomen tunc superadde meum.

1) Es kann natürlich nicht meine Sache fein, die Görlitzer Dichterfchule zu Schildern; vielleicht wird eim mit dem Gegenftand vertrauter Lokalforſcher fich der Aufgabe unterziehen. Einige Dichtungen find noch befonders unten zu er- wähnen. Hier mögen wenige Notizen genügen, die ich zum Teil aus Ottos Schrift- jteller-Lerifon der Oberlaufi entnommen. 1) Joachim Meifter, geboren in Görlig am 1. November 1532, wurde 1569 Rektor, dankte aber 1584 ab, um nad) Bremen zu gehen; hier ftarb er 1587 am 10. Februar. Abraham Scul- tetus, der befannte pfälzifche Theolog, hielt ihm als feinem Lehrer die Leichen- rede, wie er es auch bei dem Tode eines jeiner anderen Lehrer, Laurentius Ludovicus (geftorben 1594),. that. Genannt werden von Meifter befonders geift- liche Gedichte. 2) Martin Mylius, 1542 in Görlig geboren, fam 1568 als Lehrer an das Gymnaſium, 1594 Rektor, 1611 gejtorben: Laurea Apollinaris M. Mylio collata a Melisso Gorlieii 1601 mit miscella carmina des Mylius. Gelegenheitsgedichte. 3) Chrift. Arnold war aus Dresden (daher bei Dtto nicht genannt, wohl aber in den Scriptores rerum Lusatiearum), J. U. D. und P. C., er ftarb im Jahre 1616 in Görlig, am 24. Juli. ch kenne von ihm unter anderem drei Ehrengedichte auf Dornaus Encomium In- vidiae, ferner ein don Cüchler mitgeteiltes, ganz feinfinniges Urteil über die griechifchen Epigramme: Graecorum acumen Latinis poetis mirari faeilius quam imitari licet. Er hatte vier Centurien gelefen, alfo ſchon 1616 war das Florilegium Cüchlers (vergleiche auch deſſen Vorrede zur erſten Centurie) ziemlich weit gediehen. Daß ihn Opitz in diefer Neihe nennt, iſt bemerkenswert; ev wird von Cüchler und Dornau über ihn öfters gehört haben. Letzterer jagt im feinem Epefedion:

Si eui Musa loqui faeilis dedit ore rotundo: Arnoldus sclidae nomina laudis habet.

Gallica si placeat vox, Itala, Graeca, Latina: Arnoldus solidae nomina laudis habet.

Si pulehrum est viridi praeeingi ab Apolline lauro: Arnoldus solidae nomina laudis habet.

4. Din die Güte des Herrin Dr. Buchwald in Görlitz kann ich das Epi- taphium Cüchlers (nah Fundes Eigentliher Befchreibung der Kirchen ©. ©. Petri und Pauli) mitteilen. Es wurde im Jahre 1655, alfo a pacifica Passav. Aug. Vindel. confirmata Julibaeo primo, errichtet: M. Elias Quechlerus, P. L.C. / et Notar. Publ. / Gymn. Gorl. patr. per annos XVII. Rector / natus Gorlicii an. M. D.LXVI]. / denatus ibidem an. M. DC. XXXI. / aetatis LXV ... . Unter dem Bildnis ftehen 4 Diftihen. Er ftarb an der damals in Görlit graffierenden Peſt; dieſe nebft dem Kriegsunglüd brachte das einft jo blühende Gymnaſium (es nannte fih mit Stolz Schola Philippiea, im Jahre 1590 gehörten ihm 616 Schüler an) der Auflöfung nahe. Die Fortſetzung der Cüchlerichen Anthologie hat offenbar der Ausbruch des Krieges verhindert. In poetifchen Gratulations- und Kondolenzheften jener Jahre ift die Muſe eines fo gewandten Latiniften natürlich oft vertreten. Auf einen jolchen Beitrag bezieht fih wohl die Anfrage Dornaus (vom 4. Februar 1617) in einem der 13 an Cüchler gerichteten Briefe, die nad) Dr. Buchwalds gütiger Mit-

64 M. Nubenfohn, Der junge Opib.

Nec timeo, reliquis ne dedecus arguar; hospes Nec nimium vestra sum male notus humo. !) Jam vaga bis solitum Phoebe decrevit in arcum Vestra mihi gratus tecta recessus erant > Cum me sollicitas intra tua moenia curas Sperabam pulchro ludere posse dolo. Nec nos vana sua mens credulitate fefellit Plus nimis, et voti sat bene compos eram. Materies etiam nostro festiva furori 30 Contigit et nervis digna palaestra meis. Nam cum grassantem patriis crudeliter hostem Finibus et saevas in sua membra manus Victura populis tentassem credere penna Virgiliigque gravi non minor ire tuba; 55 Mox alio traxere tui nos, diva, lepores Fixaque virgineis astra?) superba polis.

teilung die Milichiche Bibliothef bewahrt: „Epigrammatium illud, quod abs te, loco meo, petiit Ludovieus noster (Lehrer in Görlitz), spero jam nunc abs te confeetum esse.* Die Berufung Cüchlers, über deſſen Familien— verhältniffe wir noch weiter unten zu jprechen haben, nad) Görlis war 1592 erfolgt, die Einführung am 18. Januar 1593. Unter dem Namen von Koc)- heim erhielt ev den Adelsbrief. In Neumeifters berühmter Magifterarbeit „de poetis Germanieis“ (1695) wird irrtümlich umferes Cüchlers gedacht als des Berfaffers von „Apollos Denck Sprüchen“.

1) Als fih Heinfius in feinem leßten Hipponar (Poemata, 1617, ©. 161) bei dem Magiftrat von Brügge für die ihm bezeigten Ehren bedankte (1609 war er dort gemefen), zählte ev die berühmten Männer der Stadt auf:

. . . Pluresque, quos laus conseceravit et fama

Aevo nepotum saeceuloque venturo.

His, Diva, si quid nostra tinniet pulchrum

Et audiendum nota posteris Musa

Dignumque laudis, Heinsium licet adiungas.

Quem tu benigna comitate....sic tenes vinetum.. Mit den folgenden Verſen vergleiche aus dem Hipponax ad Thaumantidem (©. 146):

Hie, Diva, versor usque; patriae vestrae Nee inquilinus degener nee ignotus. Nochmal nachgeahmt find die Verſe 1619, als Opitz Gruter in Heidelberg zu— rief (Silvae II p. 37):

Non vivam in vestra degener hospes humo. Zu 3. 3 vergleihe das unten (S. 98) folgende Sonett.

*) Anfpielung auf den Namen Afterie. „Das jvrdiiche Geftien“ nennt er fie in dem Gedicht An die Teutjche Nation 3. 19, „O mein Geftien“ im 8. Sonett, fieh unten, „Afteris mein Firmament“ in der 4. Ode, „O astrum amieum!“ Sipponar V. 5, „o inelytum astrum“ ebendort V. 52 und „Asterin stellam“ V. 199, (ähnlih V. 29, V. 172); ſieh auch die unten zu bejprechenden zahlreichen Epigramme, in denen fie und die Sterne, die fie ver- dunkele, zufammengeftellt werden.

M. Nubenfohn, Der junge Opit. 65

Hinc mihi grandilogquum Cypri regina cothurnum Exuit et lepidum condere iussit opus.

Protenus exciderunt animo fera bella, meumque

40 Pro lauru myrti circumiere caput.!)

Nec mirare meas hausisse venena medullas: Vates et iuvenis, res erat apta deae.

Feci, quod voluit: nunce claudos fingere iambos Occepi, numeros nunc, Elegia, tuos.

1) Mehrfach jpricht Opit den Gedanken aus, daß ihn Venus von einem großen Epos, das er bereits begonnen, abgebracht habe. Das Sujet wechjelt. Schon in dem Abjchiedsgedichte an Nüßler (1617, Silvae, p. 44) lieft man 3. 39: Cumque laborato sublimius ire eothurno Vellem et Mantoo tra- dere vela Noto, Arridens vafro formosa Amathuntia nutu Monstrat virgineos imperiosa sinus: Ista palaestra tua est, ait.... . Num brenne er, aber nicht nimium relligiosus für eine: bald ſei's Lesbia, bald Neaera, bald Corinna, jede habe ihre befonderen Meize. Nur fo ein D Dichter fünne das un— geſtraft thun. Scultetus, der Treffliche, begünftige feine Miufe. An die Teutſche Nation 3. 4 fi. „Mein Sinn flog vber hoch: ich wolte dir (o Vatterland) vermelden Durch Kunſt der Poeſie den Lauff der groſſen Helden, Die ſich vor dieſer Zeit den Römern widerſetzt, Vnd in dem ſtoltzen Blut' jhr ſcharpffes Schwerd genetzt . . . . Da kam der Venus Kind, bracht' einen Krantz von Myrten Vor meine Lorbeerkron' vnd ſtieß mich zu den Hirten In einen grünen Wald, wieß auff ein ſchönes Bildt .... * bitterfüffe Pein Die muſte mir an ſtatt der Heldenthaten ſeyn. Ich thue, Aſterie, nach deinem Wohl— behagen ... .“ Aber am Schluß heißt es wieder... . „Biß daß ich höher ſteig' vnd deiner Thaten Zahl Werd’ vnabläſſiglich verkünden vberall“. In den Hendekaſyllaben „Ad C. Kirchnerum sponsum“ (Silvae, p. 63, 1619 Früh— jahr): „Sed quod iam posito gravi Maronis Summi pondere eastiore gressu Gyros contraho carmen in minores, Quid Miu tıbar.ee . ars dem Epithalamium am ebendenjelben, 1619: ss ‚Dergeßt der hohen Kunſt der Himmlischen PBoeten ... . . Vergönnet mir den lauff Dev tapffern merthen Helden, Die vor das Batterlandt fich opffern, zu vermeiden. Das, jo jhr jetz— undt thut, ich mir noch nicht begehr, Was aber ich will thun, wer’ euch mit dem zuſchwer“ Zinkgref, S. 31. Bon 1625 ab bleiben 3. 37—40 weg wegen der Aehnlichfeit mit dem amderen Gedicht. Hierher gebört auch der 1620 (?)

geäußerte Plan eines „liber.... ingens arte protusus mea Corneliae de nup- tiis“ (Silvae, p. 68). Ein Arminius-Epos plante auch Opitens Freund

Chriſtoph Köler (Hochzeitgefänge für Kaften, 1627, Straßburg; Euphorion 1, 295): Bor andern allen wolt’ ich preifen den Armin, Den feine Nitters-Hand, dann meineydt ſchlug dahin: Wie damals-Teutſche fich gegliedert vnd getrewet, Vnd von der Römer Joch’ vnd Dienfte fich befreyet; Wie auch der Flavius (der Schelm mit vnterlaufft) Sein Vatterland vmb Geldt verrahten vnd verkaufft. Es paßt dies alles in der That zu der damals ſo gewaltig aufflammenden Be geiſterung für deutſche rt und Dichtung, gerade infolge der Jämmer— lichkeit Der Gegenwart Scherer, Geſchichte der deutſchen Literatur, S. 363). Auch Opitens \ Lieblingsſchriftſteller ſcheint Tacitus geweſen zu ſein (Tacitus meus nennt ev ihn in einem Gedicht an Gruter 1619, Silvae p. 99).

Euphorion IT. D

66 M. Rubenſohn, Der junge Opitz.

Mit „Hos quoque tam leni manantes flumine versus 46 Indulget genio sponte Cupido meo, Seu quia sopitos etiam sentiscit amores Et tacito mea mens igne videtur agi,

Seu quod sidereos ...“* wendet ſich Opitz endlich in vecht fonventionellen, von der metriſch wie inhaltlich wohl gelungenen Einleitung jtarf ab- fallenden Verſen!) zum Preis der Braut und zur Gejchichte der Yiebe der beiden. Gegen den Schluß des Gedichtes Fehrt der jugendliche Berfafjer, durch das Glück des jungen Ehemannes an jein eigenes Unglück erinnert, wehmütig zum erjten Teil, zur Schilderung jeiner Lage zurück. ı13 Nos miseris vitae florem depascere curis Cogimur et sortis de levitate queri; 115 Ingeniumque meum duro sub pondere languet Ulteriusque sui vix meminisse potest. Si tamen haud prorsus Musarum castra relinguam Nec penitus nostrae transfuga partis ero, Extollam Famae fretus plaudentibus alis 120 Carmine Gorlicium non moriente tuum. Tu sobolis, Gothofride, tuae natalis in ipsa Ut possit libri fac modo fronte legi.

Die Hochzeit, fir die unfer Gedicht bejtimmt war, fand am 4. Februar 1619 jtatt.?) Wo hat Opis das Carmen verfaßt? Er bittet Görliß, auch ihm ein Plägchen in dem veichen Kranze feiner Sänger zuzumweifen. Er werde den anderen wohl nicht zur Unehre gereichen. Sei er doch der Stadt fein Fremdling mehr. Schon Ddieje Apojtrophe erklärt ſich bejjer, wenn man den Dichter nicht mehr in der Stadt weilen läßt. Notwendig aber wird diefe Annahme durch die folgenden Berie 23 ff.: „Zweimal fchon nahm ab der Mond eure Stadt gewährte mir eine willfommene Zuflucht jeit ich hoffte, in ihren Mauern durch ein ſüßes Spiel mich über meine Sorgen

9 Sie ſind teilweiſe, wie wir unten ſehen werden, in freier Weiſe einem holländischen Gedichte entlehnt, das Opitz in „Frülings Klaggedichte“ vollſtändig überſetzt hat. Nach einer gütigen Mitteilung des Herrn Superintendenten Schult in Görlitz: „Zwar nicht aus unferen Kirchenbüchern, die bloß bis 1720 zurüd- veichen, wohl aber aus den (handjchriftlichen) Schaeferfchen Tabellen, welche für uns beinahe urfumdlichen Wert haben, geht hervor, daß Gottfried Jacobi auf Leſchwitz“ (vgl. V. 55 Heu quoties motu conatus frangere morbum, Leschuieium sese eontulit ille suum) „jih am 4. Februar 1619 mit Catharina Emmerich verheiratet hat“.

DM. Nubenfohn, Der junge Opik. 6%

hinwegtäuſchen zu können., Und ich irrte mich nicht: ich fand, was ich juchte. Allen ernſten Plänen und Gedanfen entriß mich meine Söttin. Ihr weihte ich bald Hinfende Jamben, bald Elegien.“ Jetzt freilich, wo er diejes niederjchreibt, darf der Dichter an jolche Thätig- feit nicht denfen, jein Geiſt erlahmt unter einer ſchweren Yaft, ift fich jeiner faum noch bewußt. Trotzdem hofft er, vielleicht nicht ganz der Mujen Yager verlafjen, nicht ganz jeiner Natur untreu werden zu müſſen. Dann aber will ev in unfterblichem Geſange (non moriente, wie 3. 33 vietura penna) daS liebliche Görlitz feiern und damit, wie hier gleich eingejchaltet jein mag, dem Beijpiele jenes Joachim Meifter folgen (Urbis Gorlicensis descriptio, 1550, 456 Herameter, Scrip- tores rerum Lusaticarum I 2, 95 ff.) und noch mancher anderen, die die Herrlichfeit der Stadt und ihrer Quellen, auch der innumerae formoso corpore Nymphae gepriejen.

Diejer melancholijche Ausklang des Gedichtes erinnert an ein anderes, das fajt gleichzeitig ijt und etwas deutlicher ahnen läßt, was den Dichter, der freilich jehr oft pejfimiftifch über jein Unglück jpricht, damals drückte. Es ift an Nüßler gerichtet, cum Aranei Laudes ab eo ederentur (Silvae, p. 108). Dies Büchlein exjchien, wie ich durch die Freundlichkeit des Herin Dr. Wendt von der Breslauer Stadtbibliothef mitteilen fann, im Jahre 1619 zu Yeipzig unter dem Titel: „B. G. Nüssleri Encomium Aranei ad magnificum et nobilissimum virum Andream Geislerum.“ Andreas Geisler war Kanzler des Herzogs von Yiegniß; nach dev Widmung (Kl. Novembris, Anno MDCXIX) wohnte Nüßler (ſieh oben ©. 60) noch Ende des Jahres 1618 in Yiegnig bei Geisler („Lignici Silesiorum in aedibus tuis“). Ganz anders und ungünftiger zunächjt war Opigens Schickſal:

At nobis aetas viridis, spes nıagna juventae, Pressa sub adversae pondere sortis, abit. Ingenio Fortuna tuo contendit et aequat Virtutes rerum dexteritate tuas. So erfteigit du vafch den Gipfel des Nuhmes, du magjt treiben, was du willit . Seu melius nobis quondam obvia numina Musas Sollicitas, cultis proditur Ascra modis: Sive ad tentatas toties mihi vertere leges,

Astraea haud alium mallet amica procum.

) Nicht ganz gleich ift die Konftruftion in dem Epigramm Ad Prin- cipem ES (Silvae p. 105): Bis tribus excreuit vaga Cynthia cornibus, ex quo A Daeis ibas, Dux generose, tuis. In der Parentheſe ſoll mit recessus erant der Zeitpunkt, in den die Erzählung fällt, fixiert werden. Der Nüßler jteht ein Semifolon nach erant.

5*

68 M. Rubenſohn, Der junge Opiß.

Materielle Sorgen alſo und die Trennung von den Mufen, die Notwendigkeit fich mit einem ihm verhaßten Studium zu bejchäftigen, das war e3, was den Dichter zu jenen jchwermütigen Verſen drängte. Die Jurisprudenz hat ihm folche Bein verurjacht. (Sieh unten ©. 79). Die Frage, wo er ihr. damals oblag, wo er aljo das Epithalamium gejchrieben, werden wir jpäter beantworten und dann auch erjt die Chronologie genauer behandeln fünnen. Kehren wir inzwijchen nach Görlitz zurück und zu des Dichters materies festiva furoris.

Die erſte Andeutung des Görlitzer Yiebesverhältnifjes enthalten, jo weit wir erfennen oder bejjer datierbares Material haben, die unten zum erſten Male nach dem in Breslau aufbewahrten Einzeldrucf mit- geteilten Alerandriner aus der „Orchestra melica“ fir die Hochzeits- feier des Schulfollegen Sebaſtian Namsler zu Bunzlau (Gorlicii, lohannls RhaMbae typl eXCVDebant, Tag: 26. Februar 1618). Hier heißt es:

>; Wir müfjen mit gedult ziehen an Venus Wagen,

Vnd ons bey Tag vnd Nacht mit diejem leiden plagen,

Wir jehen angjt vnd noth, jhr jehet Hülff vnd rhat,

Was bey vns hoffnung ift, das wird bey euch die that... .

3 Wir wollen williglich es lajjen jeßt anjtehn Biß es vns dermaleins auch wird jo wol ergehn.

Diejer in Nefignation abwartenden Stellung entjprechend nennt jich Opiß in den jchon vorher dem Bräutigam überjandten Jambi claudi (Silvae, p. 110) noch inexpertus in &hejachen, womit es nicht in Widerjpruch jteht, daß er als eine durch Erfahrung feſtſtehende That— jache verfündet:

... . Cui semel iugo collum Venus dolosa aptauit, ille nequicquam Quae iam subiuit onera, ferre detrectat.

Fünf Monate jpäter, am 11. Juli, feierte Matheus Nuthard, PBajtor in Tillendorf, Bunzlauer Patronats (geboren 1593, Februar 1629 „weggejagt militari manu“, gejtorben 1642 in Yüben) jeine Hochzeit. Auch für diefen Anlaß dichtete Dpiß ein Carmen, er ließ es zugleich mit dem jeines Freundes Caſpar Kirchner bejonders in Görlig bei Yhambau drucken. !)

!) Das Datum ergiebt ſich aus dem zu derjelben Feier erjchienenen, auch von Opit (mit fieben Diftichen) ausgeftatteten lateinifhen Gratulationshefte, vergleiche auch ©. J. Ehrhardt, Schleſiſche Presbyterologie III, 2. Abſchnitt. Jenen deutjchen Einzeldruck kennen wir leider nur durch die Bejchreibung Lindners (Opit 2, 5), der ältefte war er übrigens nicht, wie mit letterem Hoffmann (Spenden 2, 69) und Höpfner (BZeitichrift für deutiche Philologie 8, 471 und

M. Rubenſohn, Der junge Opitz. 69

Nach der üblichen Anrede an das neuvermählte Baar lefen wir nun hier die folgenden wichtigen Berfe:

» hr vielgeliebtes Par, bitt wollet mix verzeihen, Daß ich (wie gern’ ich will vnd joll) nicht fan einweihen Ewer unmüfjig Feſt mit Nömijchem Gedicht. Apollo zürnt mit mir, will mich mehr fennen nicht.!) Entjchuldiget mich euch: ch jchwere bey der Schönen, Der Schönen, von der ich mein Yeben muß entlehnen, 5 Die mich führt im Triumph, die miv nimpt meinen Geift Vnd jhn, wenn's jhr geliebt, auch widerfommen heißt. ?) sch Schwere bey dem Yiecht, das jie left freundlich blicken Bon jhrer Augen Sonn’, vnd mich mir jelbjt entzücen, Daß Venus zu mir fam (es ift noch nicht ein Jahr) »» Am schönen Wafjerberg mit jhrer gangen Schar. ?)

„Beiträge zur deutſchen Philologie“ 1880, ©. 298) annehmen, fteh oben. Der Titel lautet: „Herrn Matthäi Ruttarti vnd Jungfraw Annä Namslerin Hochzeitslieder, von zweyen guten Freunden geftellet. Gedrudt zu Görlit bey J. Ahambau 1618." Das eine ift unterzeichnet: M.O., das andere: Defiderius von Liebethal. Dies wunderliche Pjendonym erklärt fich folgendermaßen: Im Jahre 1616 war Kirchner in England gemwejen und hatte hier unweit Windfor das immer grüne Thal und das Nofenfchloß der Liebesgöttin fennen gelernt, das nur Dichter betreten dürfen. Dort wurde ihm von der Göttin zuerkannt, was er fpäter empfing (fein Liebchen nämlich). Sp erzählt wenigftens Opitz im deutfchen wie im lateinischen Hochzeitsgedichte an Kirchner, offenbar einem Einfall des letsteren folgend. Abgedrudt ift unjer Epithalamium nur bei Zinfgref, S. 42 und in den Züricher Streitfchriften 3, 49.

!) Der fieben lateinischen Diftichen (fieh oben) gedenft er hier alfo nicht. Es verdient beachtet zu werden, daß Opits damals noch deutſche Verje für minder: wertig, von Apollo, dem eigentlichen Patron der gelehrten, ernfthaften Dichtung (daher er denn in Gegenſatz fteht zu der Liebesdihtung, An die deutſche Nation, oben ©. 65) nicht eingegeben und alfo der Entfhuldigung bedürftig erachtet. Selbjtbewußter fpricht ev in dem Hochzeitsgediht an Geisler, aber auch ſchon in der im zweiten Teil mitzuteilenden Zufchrift an Namsler.

?) Aus Heinfius’ Elegie, ofte Vryagie 3.78 f. die (jeine Göttin) my de moet kont geven, En wederom beneemt.

3) Höpfner (Zeitfchrift für deutsche Philologie 8, 471) hat mit glüclichem Scharffinn die Beziehung herausgefunden: „gemeint kann nur fein das Schlößchen Bellaguimontium, das des jungen Opitz Beſchützer, der Faiferliche Kammer: fisfal und Pfalzgraf Herr Tobias Scultetus von Bregofhit und Schwanenfee, fih 1615 auf dem hohen Ufer der Oder zu Beuthen erbaut hatte“. Wir hörten oben (S. 65) wie Scultetus des Dichters „tenerae largus dat amica silentia Musae* umd Ietterer in Beuthen Schöne aller Art ſich zum Preifen erfieft. Allerdings ift von diefer Poefie (und gar von deutjcher Erotik) nichts erhalten (vergleiche aber Ariftarhus, ©. 98). Uebrigens findet fih ſchon im „Strenarum libellus* (Januar 1616) ein ziemlich freies Erotopaegnium,

70 M. Rubenfohn, Der junge Opik.

Sie bat, ich wolt' jhr Kindt lafjen bey mir einfehren,

Vnd es die Teutjche Sprach, jo qut ich's wilte, lehren: Ich gab jhr guten Troſt, jie gab mir. jhren Sohn: Sie hofft’ auff meinen fleiß, ich hofft’ auff trewen Yohn.

So fompt zwar unverhofft der Knab' in eyl geflogen,

Alsbald er aber nur bey Dir ijt eingezogen,

Legt' er die Flügel ab, dein Efjen nicht begert, Thut, wie ev wer zu Hauß, macht Fewer auff den Herdt.

Du mußt gedultiglich deß Gaftes nur gewohnen:

Wiewol ex jeinen Wirth thut zimlich jchlecht belohnen:

Das Herbe zimdt er an, die Augen macht ex blindt: Man find nicht die man jucht, man jucht nicht die man findt,

Iſt das der Dand? Ich ließ an mir nichts nicht erwinden,

In kurtzer zeit Fondt ex jich in die Sprache finden,

35 Letzlich vor meine Müh er fich jelbjt in mich drang,

Vnd nam mir mein Gemüth vnd Sinn. Iſt das der Dank?

Bein, O ſüſſe Bein, O Yeyden ohne Frewden,

Fewer ohne Brandt, O Frewden ohne Yeiden,

Das liebliche Geſpenſt, jo man allhier zu Yandt

0. Jungfraw zutäuffen pflegt, ward mir durch jhn befandt.

Wie offt' hab’ ich gewündjcht, daß mich der Sonnen Wagen,

Vmb das gläjerne Feld deß Himmels möchte tragen:

Wie wind’ ich halten offt! auch mitten in dev Flucht, Daß ich den jchönen Glang an jhr bejchawen mocht.

Wie offt' hab’ ich gewündſcht, daß ich doch werden jolte

Ein Bien’, ein Fleine Bien vnd lejen, wenn ich wolte Auf ihrem rothen Mundt den honigjüjfen Thaw, Depgleichen man nicht findt in der Welt großen Aw.

Sp wind mein Seel’ in jhr, ihr Seel’ in meine fommen,

So würde mir mein Schmerg durch jhren jeher benommen, Sp wide mir die Pfort des Yebens aufgemacht,

So wer mir die Nacht Tag, jo wer mir der Tag Nacht.

So wird ich frewdiglich mit lebendem Todt jterben,

Sp wind’ ich in der Welt den Himmel noch everben:

5 Den Todt den ich mir windjch, den Himmel den ich mein’,

Iſt in der Yiebjten Schoß gar janffte jchlaffen ein

1

[24]

[OR

Han [2)

5

Für den Kenner Opigjcher Dichtung exgiebt es jich jofort aus den gehäuften Goncetti, die auch im folgenden noch fortgejfegt werden und erjt mit 3. 65 „diß alles jollet jhr, Herr Breutigam, erlangen“ ein Ende finden, aus der häufigen Anwendung der Anaphora, aus dem ganzen vhetoriichen Habitus, daß hier eine Nachahmung einer

M. Rubenfohn, Der junge Opig. 71

jener jpäteren Nenaifjance- Dichtungen vorliegt. Wiederum (jieh ©. 66) ift es eine Vorlage, die Opitz noch einmal und zwar volljtändiger nachgebildet hat: „An die Jungfrawen in Teutſchlandt. Auf dem Holländijchen Dan. Heinsii“ (Zinfgref, ©. 2). Das ift denn auch der Grund für die Fortlaſſung des Hochzeitsgedichtes aus den jpäteren Auf- lagen geweſen (nicht richtig aljo ift Hoffmanns Anficht, Spenden 2,69). Freilich, dem Dichter ſelbſt vielleicht unbewußt, enthielt feine Sammlung noch eine dritte, ältere Bearbeitung desjelben Motivs, die für Heinſius das Vorbild gewejen: der jeinerjeitS aus Bions viertem Idyll ent- lehnte „Hirtengeſang“ (jo bei Zinfgref, wonach ich die Texte hier zu geben habe, ©. 25, in 1625 als VII. Ode mit dem Zufaß): „Aus Ronſardts Erfindung“.

ı Newlich als ich aufgegangen Sam die Benus jelbjt zu mir, In des Waldes grüne jtett, Pracht auch jhren Sohn mit jhr, Vnd, mein beſtes zuerlangen, Der bey mir verbleiben jolte, Mit den Hirten fingen thet, Wo ich jhn was lehren wolte.

2 Alles was du wilt bedingen, Wohl, ich lehrt es gant bereit, Sagte jie, ijt div vergündt, Was man noch findt, diejer Zeit,

Wo du deine Kunſt zu jingen Bon den Göttern auffgejchrieben, Vehren wirft mein fleines Kindt. Vnd im Hirtenbuch ift blieben.

4 Aber doch der loje Knabe Allzeit hat er in dem Mundt, Der gieng feinen alten Gang, Wie die Yieb das Her verwundt, Wann ich jhm was guts auffgabe, Wie, nach jeiner Mutter Sinnen, Bracht er einen Yiebsgejang, Alle müſſen Lieb gewinnen.

C g

Sp wurde der Lehrer zum Schüler: „Jetzt ich alſo nichts mehr weiß US von Yieb vnd ihrem Preiß.“ Ich glaube, man darf die Bariation, die im Hochzeitscarmen vorliegt, geiftvoll nennen, ein Lob, das man befanntlich Opitz jelten erteilen fann und das ihm auch hier im Grunde nicht zukommt, da ex ich faſt Zeile fir Zeile mit einer Ausnahme an Heinfius anjchliegt: Amor, d. h. die Iyrifche Poeſie, hat der deutjchen Sprache fich zu bedienen gelernt, der Danf gebührt dem Dichter, der freilich dafür fein Herz verlieren mußte. Das jcheint mir eine feinfinnige und bejcheidene Darjtellung einer wichtigen Epoche aus Dpitens Yeben zu jein. Und vergleicht man nun, wozu die ausführliche Anmerkung dienen mag, beide Faſſungen,)

Da arichmereie u) = If: Der-lleberfeßung, 175. 13 f. (. . das fie mir pflegt zugeben, Wann jhrer Augen Sonn erblict mein tramwrig Leben), 19 f. = 17 f. (Es ift nicht lange Zeit daß ich die Venus fande An einem grünen Orth in meinem Batterlande), 21—24 = 21—24 (Sie wolte daß ihr Sohn hier bey mir folte Hleiben, Vnd vnſer Teutſche Sprach auffs beit

12 M. Rubenſohn, Der junge Opitz.

jo wind man die des Epithalamium nicht ungefchieft nennen, ja be- haupten dürfen, daß das jtolze Bekenntnis, ex jei der Begründer der neuen deutjchen Lyrik, ſich in dem Hochzeitsgedicht deutlicher, be- ſtimmter ausdrüce. Letzteres ift zugleich ein treffliches Beijpiel fir die erfolgreiche Bemühung des jungen Opitz, der Gelegenheitspoejie (auch der lateinischen) einen höheren, allgemeineren Inhalt zu geben. Unjer Barmen jollte zugleich Opigens perjünliche Erlebniſſe und ſeine dichteriſche Entwickelung vor Augen führen, die vor faſt einem Jahre durch Cupidos Eingreifen in eigenartiger Weiſe beſtimmt worden waren, ſo daß der Dichter jetzt (Juli 1618) ſchon mit ihnen als ge— gebenen Thatſachen ſich hefehäftigen kann, ohne uns freilich genauer die Schöne und die ihr gewidmeten Gedichte zu nennen. Dennoch

ichs wüſte treiben, Ich ſagte zu, jo wiel mir möglich, vnd gab für Es wer ein junges Kindt: Sie ließ es da bey mir), 25—832 Be vielleicht im Anſchluß au das Anakreonteon 31, 33 |. 25°. (Erhielt ſich bey mix vff, wir lieffen nichts erwinden, Vnd font er ohne müh fi in die Sprade finden), 85 f. = 27—31 (der Dichter fpielt mit des Gottes Waffen, endlih beim Abſchied an ſtatt mir Danck zu haben ... Hat er mir einen Pfeil getrucket in mein Herb), 3T—40 = 335—44 (DO bitter ſüſſe Pein! Dadurch lernt er die vrſach zu Der Ehr, die vrjach au ee Leyden, Die Jungfrauen fennen), 41—49 = 45—58 (D daß ih Sonne wer, vnd jhren hohen Wagen Einmahl vegierete nad) wolbehagen Daß ich nur von der Lufft herab recht ſchawen kundt Der ſchönen Angeſicht, die mich ſo ſehr verwundt. O daß ich Sonne wer, ich wolt jhr Augen machen Zu Sternen in der Lufft, daß ich ſie könt anlachen Vnd anſehn jederzeit. .... Wie offt hab ich gewünſcht, wie offte dörffen ſagen, daß ich wer eine Bien' vnd Honig ſolte tragen Aus jhrem rothen Mundt, wenn ev wirdt auffgethan Bin ich jo froh, daß ich mich wicht mehr halten kan. Alß dann kompt jhre Seel, wann ich mich nichts before, Vnd fleucht in meine Seel). Heinſius wünſcht ſich nun noch die Meta— morphoſe im eine Fliege (60—67), ſpricht dann jo geziert, wie nur möglich, von der Frauen Macht über den "Mann, ihrer Erichaffung durch Jupiter (ein Thier een dier, een lieflichs das man bey vus jetzundt bier eine Jungfraw nennet, vgl. Epithalamium 39 f.) des Gottes eignen Liebesleiden (vgl. Epithalamium 60 f, endlich wie ev den Himmel regieren und einrichten würde als “Jupiter. 0-56 153 ff. (Dep Gottes Himmel ift [ach wer ihn könt everben!] In feiner Freundin Schoß vnd zarten Armen jterben: Deß Gottes Himmel ift nur allzeit können jeyn, Bey feiner liebeſten verklärtem Augenſchein). Mit 3. 136. fchließt die Dichtung, deren teilweife Benutzung in dem Hochzeitsgedicht zwar Unfelbftändigkeit verrät, aber zumal wenn man die genauer vergleicht, keineswegs Urteilstofigteit. Daß Muth in ſeiner Differtation (Opitz und Heinfins) hierauf nicht geachtet, zeigt, wie ig fie den Anforderungen gemügt, freilich hat er noch NS: vernach⸗ läſſigt. Höpfner (Beiträge zur deutſchen Philologie, Halle 1880, S. 300) hat zwar den Sachverhalt erkannt, auch die Abhängigkeit des Kirchnerſ ſchen Gedichtes von Heinſius, aber das un. Carmen nicht vecht gewürdigt. Um mın einen Vergleich mit dem Original zu ermöglichen, feien einige der wichtigeren Stellen noch niederländifch angeführt: 17 f. Self Venus de Godin (het is niet lang’ geleden) Quam vroeyelick en bly naer Hollants rijcke

M. Rubenſohn, Der junge Opib. 13

dürfen wir die weitere Auseinanderjegung an einige Zeilen unferes Hochzeitsgefanges anjchliegen: ich meine 3. 41—44. Sie find von mir in die Sammlung von einzelnen Verſen und Motiven aus der griechifchen Anthologie aufgenommen worden; ich fünnte diefen Punkt hier unberücfichtigt lafjen, wenn nicht eine Stelle aus Opitzens (teil: weife aus Seriverius und Heinfius gejchöpfter) Vorrede zur Straß— burger Ausgabe eine ganz eigentümliche Entdeckung veranlaßt hätte, die mit jener Entlehnung und des Dichters Anthologie- Studien zu- ſammenhängt. Blatt A? jet ev auseinander, daß die deutjche Sprache fich ſehr wohl für die „gebundene Art zufchreiben“ eigue. Das be- weile das Heldenbuch und andere alte Dichtungen, das ſolle nun auch) jein Büchlein, mit dem er die Bahn breche, erweifen. Enthalte es aber vorzüglich Yiebesfachen, jo möge man bedenken, daß „jonderlich der anfang jetwedern Dinges von Freundlichkeit vnd Yiebe (welcher ein jeglicher durch verborgene gewalt der Natur, derer gröſſeſte vnder— halt fie ift, verbunden) muß gemacht werden.“ Sprächen doch dafür ferner die „Exempel der Edelften Poeten“ und „daß auch gemeinig- lich die vnderrichtung von Weißheit, Zucht vnd Höfligfeit vnder dem betrieglichem Bilde der Yieb verdeckt lieget.“!) So werde niemand die Poeten „vmb diefer jhrer alten Freyheit willen verwerffen. Iſt auch Plato, der vnder andern in feinen jchönen Berjen jhm wünſchet dev Himmel zu werden, daß ev Asteriem genugjam bejchawen fönte, nit zu verdammen . . . (Cicero, Blinius, Apulejus folgen noch), wie viel mehr ich, der ich angefehen meine blühende jugent, die Keuſche Venus mit den gelerten Musis zugleich verehret habe.“ Er werde jedenfalls, jollte auch dieſe Entjchuldigung nicht gelten, noch zeigen

steden, 21 fi. Zy wou dat haeren soon by my wat sou verkeeren, Op dat hy onse spraeck van Hollant mochte leeren: Ick gaf haer goeden moet, ick seyd’het sou wel sijn, Het kint was jonck genoech. Zy liet het daer by mijn. Hy woonde vast bv my, wy souden Hollants spreken, Hy hadd’ de spraecke vast in tien of twellef weken. Für Opitz ift befanntlih Daniel Heinfius der Erwecker der Mutterfprache, der deutschen Poefte, fo ſetzt er denn auch 3. 16 „Bud von dev Teutjchen Sprach’ auf mir bericht einnimpt (Cupido)“ für das niederländifche „Dat ick Cupido wil gaen leeren onse spraeck*; 45 ff. Dat ick de Sonne waer, of dat ick haeren wagen Een dach mocht ofte twee doen gaen naer mijn behagen, Ick soude stille staen soo diekwils in de locht, Dat ick den schoonen glans van een aenschouwen mocht. In dem Hochzeits- carmen hat Opits fich alfo hier enger an das Original gehalten. 59... als hy (ihre Mund) eens open gaet Soo word ick met een sap der liefliekheyt versaet. Dan kommt haer siel in my soetrieckende geslopen, En vloeyet in de mijn.

1) Heinfins (Vorrede zum Hipponar) will auch bezeugt haben, daß ihm in jeinen Amores sapientiae plurima praecepta excidisse.

714 M. Rubenfohn, Dev junge Opiß.

„wie jehr die iwren, jo auß dem anfange von lünfftigem zu vrtheilen fich vnderſtehen.“ Wunderlich wird gewiß diefe Nechtfertigung der exotifchen Dichtung erxjcheinen, vätjelhaft aber geradezu der Hinweis auf Platon. Wir jahen zwar oben ſchon (©. 60), wie Opis in dem Borwort zu jeinem Hipponax von Sappho ganz harmlos erzählt, was Marimus Tyrius über Anafreon berichtet;!) aber das ift ja nur ein Frlüchtigfeitsfehler. Einem jolchen kann die angebliche Geliebte des Platon doch wohl nicht ihren Urjprung verdanfen. Die Aufklärung bringt die Ausgabe der Anthologie, die Cüchler jeiner Sammlung und Dpig jeinen Studien und Ueberſetzungen, jo weit er die Görlitzer Edition nicht (oben ©.57 f.) oder noch nicht benugen konnte, hauptjächlich zu Grunde legte. Der befonders als öſterreichiſcher Hiſtoriograph be- fannt gewordene Hieronymus Megijer aus Stuttgart (F 1616 in Yinz) veranstaltete im “Jahre 1602 in Frankfurt eine Anthologia seu Florilegium Graecolatinum: hoc est Veterum Graecorum Epi- grammata, . ... . quotquot in hanc usq. diem, doctissimorum virorum opera "Latino carmine conversa exstant.?) Hier jtehen J. II p. 188 die berühmten zwei Epigramme, die man Platon zu- ichreibt (Anthologia Palatina VII 669 und 670, von Cüchler nicht mehr aufgenommen). IDartorvos. Aor£oas zioadosı A0TMo E£uos. side yerolumv ovoaros, ms mokkois Ounaoıw eis 08 PAETO. (Too autor.) Aormo zoiv usw Ehaumes Eri Cwoloıw Eos, vöv ÖE davon Adumeıs 078005 Ev POtusvors.

Zunächſt ift klar, daß Opitz 3. 4144 und feine Vorlage Heinjius 51 (fieh Anmerkung zu ©. 72) wirflich das erſte Blatonijche Epigramm metaphrafiert haben und daß erfterem, wenn ex die Anthologie überhaupt jtudiert hat, dies Berhaltnis bewußt werden konnte. In meiner Sylloge habe ich aber durch den Hinweis auf eine Anzahl Mikverjtändnifje, Die Opitz mit den Ueberſetzern bei Megiſer gemein hat, dargethan, daß er in der That, wie wir oben ſchon erwähnten, jenes Florilegium zu Hilfe genommen ſo zu Zinkgref S. 58:

1) Die Verwechslung wird dadurch erklärlich, daß Anakreon nicht nament— lich genannt iſt, es heißt vielmehr: 7 d& Too Tnlov oogyıorod reyvn, zufällig jteht bei Heinfius reyvn. So fonnte man leicht bei 7 dE an die vorhergenannte Sappho denken, übrigens ein Beweis, daß Opitz nicht nur Heinſius' Ueber— jegung, fondern auch den Text bemutte. Bol. Witkowski, Ariftarhus ©. 98.

2?) Opitz benutste vielleicht den nach Ablauf des faiferlihen Privilegs im

Jahre 1614 ebendort erſchienenen Abdrud, der den alba Titel erhalten hat: Omnium horarum Opsonia .

M. Rubenfohn, Der junge Opib. 75

Auf dem Griechifchen Platonis, lib. IV ; die angeführte Stelle aus der Vorrede iſt num ein weiterer, jchlagender Beweis. Mlegijer hat unter anderem auch die lateinischen Paraphrajen des Nathan Chyträus (Profeſſor der lateinischen Sprache und der Poeſie in Roſtock, jeit 1595 Neftor in Bremen, 7 1598, jein Bruder der berühmtere Theolog David Chyträus) dem griechiichen Texte des Platon bei- gefügt. Sie lauten Suspicis Asterie stellas mea: caelum utinam sim, Pluribus ut videam te, mea lux, oculis. Asterie vivens vivis fuit alter Eous, Mortua defunctis Hesperus alter erit.

Solche Variationen mit den Texten vorzunehmen war etwas ganz Gewöhnliches,) Megiſer pflegt fie durch ein vorgejegtes Simile zu fennzeichnen; fie ernſt zu nehmen, d. h. als richtige \nterpretationen war wohl auch damals fein Zeichen eindringender Bejchäftigung mit den Driginalen. Opitz hat, wie wir jehen, fich düpieren lafjen: er jpricht wirklich) von den ſchönen Verſen Platons auf jeine Aſterie. Der Irrtum iſt aber nicht nur für den von ihm jo ſehr verehrten Platon (vgl. die befannte Ronſard nachgebildete Ode, ferner Witkowski S. 89, unten S. 90) verhängnisvoll geworden, auch für eine andere von ihm ebenſo treu verehrte und gefeierte Perſon: für ſein Görlitzer Mädchen, das er Aſterie nannte, nicht nur weil der Name auf den Himmel und das Göttliche Hinwies, ſondern vor allem um dem großen Philofophen zu Huldigen.?) So zeigt meines Grachtens allein der Name der Geliebten, der erjten Dichterbraut der neuen Dichtung, daß Opig fie kennen lernte, als ev mit den griechijchen Epigrammen

!) So metaphrafierte Mich. Tarcagnota Marullus: Lucebas superis ınea Lucia lucida Phoebe: At nune Persephone .tertia regna tenes. Vielleicht ſchien den Faraphraften (auch Opitz) das Berhältiis zu dem Knaben (Adormo!) sn den Delitiae poetarum Germanorum II, (1612) jtehen p. 254— 411 Kochhafens Gedichte und jo unfere Epigramme p. 400, mit den Titel: Ex Graeco, das zweite mit der Ueberſchrift: In defunetam. Das griechiiche Yemma der BI anudesausgaße: eis rıva Jeyousvov Aoteoa fehlt, was von Wichtigkeit, bei Megifer. 3. 1 ift oadoers zu leſen.

?) Asterie ift der fingierte Name einer Schönen bei Horaz c. III 7, jonft als Perſonenname faſt ungebräuchlih. Auf Inſchriften findet ſich dagegen zumeilen Asteris, au Statius silvae I 2, 197. 198. So nennt denn auch Heinfius, der den Statius bearbeitete, in feinem un in Hugenis Grotii nuptias deffen Braut Asteris (Sylvae II 1, 35). Nicht unwahrſchein— lich iſ es, daß daher die Namensform Aſteris ſtatt (Ode IV, Silvae p- 95, unten ©. 93) ſtamme. Als mythiſcher Name kam Afterie in der Erzählung bon Arachne vor, Opit hebt in dem Gedicht auf Nüßlers Arachne dies bejonders hervor (oben ©. 67).

76 M. Rubenfohn, Der junge Opig.

fich bejchäftigte, zu der Zeit alfo, wo er in Görlig Cüchlers Verkehr genoß. Doch wir haben ein anderes, ganz unzweifelhaftes Zeugnis über die Herkunft Ajteries, das man freilich jchon beachtet, aber in wunderlicher Weile mißverjtanden hat.

G. Witfowsfi hat jich durch die Beröffentlichung einer größeren Anzahl Opisjcher Briefe aus Breslauer Handjchriften ein nicht geringes Verdienſt erworben. (Zeitjchrift für deutjche Philologie 21, 16 ff., 163ff.). Als Nr. XL teilt ex einen Jugendfriſche und -übermut verratenden Brief Caspar Sinner mit, eines dem Dichter bejonders werten (vgl. Nr. XIV md XV) jungen Mannes aus Yauban, bei dem er beijpiels- weife einen Tag in heiterjter Yaune verbrachte, als er die Reiſe von Breslau nach Paris antrat. Das Datum des Briefes hat der Heraus- geber richtig beftimmt. Der Yobgefang Bacchi, den Sinner von Opitz gerade erhalten, erjchien nach der Faſtnacht 1622 (Unterjchrift der Borrede), nach diefem Termin, aber vor der Abreife nach Siebenbürgen (Ende Mai) ift das Schreiben verfaßt. ch muß den Anfang ganz herſetzen.

Sal.: et Amorem.

Gratum est, o Poeta et Amor noster, quod tam cito ad meas respondisti; gratiora quae scribis; gratissi- mum quod hymnum in Bacchum mittis una: quod veluti

5 fidus elucet in literis candor et calor ille veri ac veteris affectus amoris in me Tui. Te Gorlicii fuisse scribis, ubi mentionem mei fecisse cum Asterie tua; quaererem quid ibi. Sed ipsemet dicis. Asterie; nihilne „mutatus ab: illo“? ,Semperne adhue:; tibi in ’ere, eb corde

ı Amasia? Ah Amasia! Amasia! dedistine centum basia, quidni?!) Sapienti sat! Hac nostra aetate nil magis am- plecti debemus quam studia, non favillas, nisi fortasse matrimonialiter, tamen feminae sunt potentes, immo sole potentiores videntur, sol tantum obfuscat oculos, femina

ı5 occaecat... De statu rerum tuarum quod significasti gra- tum. Eremiticam vivere vitam scribis, vix imaginari possum; cum non modo ibi Aula, Curia, Amasia...?) Witkowski jchreibt 3. 7: fecisse, cum. Dagegen jpricht nicht

nur die Stellung, jondern auch der Umjtand, daß dann gar nicht gejagt ift, bei wen Opitz des Abjenders Erwähnung gethan. Nun iſt

*) Aber ich meine ins linde Bein. ?) Die folgenden Worte: amabo, num tibi male credam jam posse nämlid esse) sub tot vitae incentivis? find durchaus nit unvollſtändig.

M. Nubenfohn, Der junge Opitz. 17

aber mentionem alicuius facere cum aliquo eine ganz gewöhnliche Bhrafe in dem Sinne „mit jemanden fich über einen bejprechen“. Diejer jemand iſt Afterie, die Opitz demnach im Jahre 1622 in Görlitz beſuchte. Witkowski laßt übrigens den guten Opiß, der allerdings in puncto sexti manches auf dem Gewifjen hatte, als einen argen Sünder erjcheinen. Er jagt nämlich in einer Note: „Der Name „Amasia“ ijt nur hier erwähnt,“ nimmt aljo eine zweite Geliebte an, der Opiß feine Huldigungen aljo wohl in Yiegnig und auch die ob- bemeldeten 100 Küfje dargebracht. Nun, amasia ift eine gar nicht un- gewöhnliche Bezeichnung der Buhle, fommt außerdem (oben ©. 60) ge- vade bei Opiß vor im diefer Bedeutung. Natürlich wundert fich Sinner, und zwar bei dem beweglichen Charakter jeines Freundes mit Necht, daß Opitz die kleine Görligerin noch immer nicht vergefjen könne, gar Erfurfionen nach ihrer Baterjtadt unternehme!) und dann jelbft in den Briefen jein jüßes Geheimnis verkünde (3. 9). Die Fleine Görligerin! So fonnte man fie freilich 1622 nicht wohl mehr nennen, wohl aber in dem Jahre, wo Opitz ihre Bekanntjchaft machte. Wit- fowsfi berichtet a. a. D., er habe fie ſchon in Bunzlau bejungen, als fie erft 14 Jahre zählte. Das ift von der Ortsbejtimmung natürlich abgejehen richtig. Es war im Jahre 1620, als Opik in Heidelberg von einem jeiner dortigen Freunde, Balthafar Venator, dem Verfaſſer des PBanegyrifus auf Gruter, ein necijches Brieflein erhielt voller Borwürfe über jeine Schreibfaulheit und feinen Wanfel- mut, unter der Fiktion, daß es von Aſterie herrühre. Es jteht in den Ausgaben vor dem vierten (fünften) Buche der poetifchen Wälder unter der Aufjchrift: Balth. Venatoris ad Auctorem Epistola. Ex persona Asteries, cuius in his carminibus saepe fit mentio.?) Das Gedicht gehört zu denjenigen des Heidelberger Kreiſes, die man nicht ohne herzliche Freude lieſt, die deutlich noch jenes Hochgefühl,

!) In dem Silvae p. 70 abgedrucdten Gedicht Ad Michaelem Bart- schium (Cassoviae, Prid. Cal. Jun. A. 1622) gedenft ev auch der pia puella ımd wie er in der Heimat gelebt: gute Freunde habe er dort gehabt, Queiscum futile tempus otioso, Cantando simul et simul bibendo, Et quod forte caput rei est amando, Prorsus fallere suaviter licebat.

2) Seripta Heidelbergae An. MIOCXX. David Schirmer verrät feinen schlechten Geſchmack, wenn ev die Elegie im erſten Nofengepüfch des zweiten Buches überjegt hat. Uebrigens hat er in der Vorrede bereits Platons Geliebte mit in jeinen Katalog herübergenommen. Zu der zarteren, Jugend feheint Opitz auch jpäter noch infliniert zu haben, vgl. den XXI. Brief an Buchner bei Geiger (1637) über das ſchwarze, geſchwätzige Kind, mit dem ev drei Monate lang verlobt war: deeimum quartum annum parte vix dimidia iam ac- cessit, ut pater eius esse possim. 3. 18 jteht in den Ausgaben ein Punkt nad vetat.

18 M. Nubenfohn, Der junge Opit.

jenes exhebende Bewußtſein nationalen Stolzes widerjpiegeln,!) das das Erjcheinen des jungen ſchleſiſchen Dichters, die Bekanntjchaft mit jeinen rhythmiſch mit bisher nie gefannter Eleganz ausgejtatteten deutjchen Gedichten in der Neckarſtadt hevvorrief: Als ich div noch ſchön erjchien, exrklang deine Yeier von meinem Preiſe. Nun würdigſt du die jchöne Aterie nicht einmal eines Briefes. Oder haſt du geheuchelt, denfjt nun mehr an die Heidelberger Schönen, gegen die ich wohl gar eine Vettel bin:

ır At bis septenos nutrix mihi computat annos Et me ceu parvam mater amare vetat, Cum tu me caneres nec enim potes ista negare, Nondum ego tunc noram quid puer esset Amor.

Dft fragte ich in meiner Einfalt meine Mutter danach und zog mir dadurch ihren Ummwillen und Argwohn zu, doch verriet ich den Sänger nicht. Nun fenne ich freilich jene Gottheiten, von denen deine Gedichte jpreihen, o, nur zu gut. Verſchmähſt du mich nicht, jo jchreib mir doch! Meinft du, ich wüßte nicht, welch gewaltiges Unter- nehmen du planjt: daß du den Yorbeer durch deutſche Verſe div erwerben willft, um die Hellas und Nom uns beneiden werden, als ein deutjcher Kallimachos, als ein deutjcher Birgil? Wie freute ich mich der Botjchaft! Soll doch auch eine Jungfrau in ihnen gefeiert werden! O, daß ich es doch fein umd ich ewig meinen Plag in deinem Herzen bewahren möchte! Berzeih miv meine Zweifel an deiner Treue. Schreib nur einmal wieder: meine Afterie, und nie jollft du dergleichen wieder hören! Doch mußt du mir auch die goldenen deutjchen Verſe jenden und auch die lateinifchen, die die Römer neidiſch machen; feinen Leſer wirst du haben, der fie jo lieben kann wie ich. Nur muß ich die einzige jein, von der man darin lieft, die Alleinherrjcherin. Meine Freundinnen tröften mich freilich: ich jolle div nur trauen. Glücklich preifen fie mich, ſtolz dürfte ich fein, eines jolchen Dichters Herz zu bejigen und mit ihm unfterblich zu werden. O, fehrteft du doch bald heim, meine Treue und Yiebe zu erproben! Der Brief iſt meines Grachtens ein deutlicher Hinweis auf die damals vom Dichter

1) „Die deutfche Sprache hat er von dem fremdländiichen Unflat welſcher Geden gereinigt, fie, die einft rauhe, barbariiche, ungefüge, unter Geſetze gebracht, an den Rhythmus gewöhnt und gebunden, mit jolher Eleganz und jo erfolgreid) ausgebildet, daß wir mit allen anderen modernen Sprachen den Wettfampf auf- nehmen, die alten aber mm weniger zu bewundern gelernt haben. Gerade den Griechen gegemüber zeigt Opitz' Dichtung jene Fülle und jene Kraft des Aus— druds, all den poetiſchen Schmud, die glänzenden Lichter, um die wir jene jonft mit Recht beneideten“ jo Nüfler 1631 in der Vorrede zu den Silvae und Epi- grammata ganz im Simme jener Dichter.

M. Rubenfohn, Der junge Opiß. 19

ernftlich geplante Sammlung jeiner deutjchen und lateinijchen Dichtungen (fieh Witfowsfi, ©. 34; Cuphorion 1, 59). Der Einfall der Spanier ließ den Gedanfen nicht ausreifen.!) Opitz, der diejen Brief durch eine gleichfalls lateinisch gejchriebene Elegie (Silvae p. 56) beantwortet, ähnlich wie er das deutjche Carmen desjelben Venator in deutjchen Alerandrinern beantwortet (ſieh oben ©. 59), will freilich jegt gar nichts Poetiſches vorhaben : 44 Nos Pindo extorres sacramus Apollinis aris Versibus his pulsas non sine laude fides: „Hic tibi, Phoebe, Iyram grati mens ponit Öpiti, Dum petit undosi turbida iura fori. Si tamen interdum huc ad non sua regna redibit, Sis facilis, gravis haud non fuit ille tibi.“ ?) sch habe die Berje ausgehoben, weil man auch jie nicht beachtet hat, wie jo viele lateinijche, obwohl gerade dieje oft den Schlüffel zu umjtrittenen Fragen geben. ES wird jo ficher gejtellt, was man aus Kölers Worten „Musas cum Gratiis suavissima harmonia miscuit“ ohne weiteres nicht (vgl. Palm ©. 138) jchliegen durfte, daß Opiß wirklich in Heidelberg Jurisprudenz jtudierte.?) Sonft ift aus der Antwort nicht viel zu lernen: Er habe, heißt es da, jofort aus dem Siegel erſehen, daß Freund Venator jeine Hände im Spiel gehabt, er habe allen Grund zu fürchten, daß der jein Nachfolger in der Gunjt Ajteries geworden. Uebrigens jei er treu geblieben, ja jelbjt wenn er wolle, fünnte ex ihr nicht untreu werden, da die Heidelberger eine wunderliche Kalte, ja Angſt vor dem Fremden zeigten. An die Dichtung denke er jeßt faft gar nicht, und wenn auch, das weibliche Gejchlecht ginge das nichts an; jeine Stelle jei am Spinnrocken, die Poeſie verderbe die Jungfrauen. So möge fie denn das Schweigen jeiner Muſe ertragen und mit dem bejjeren Poeten Venator jich tröften. Hierin liegt, glaube ich, eine verjtecfte Ankündigung feiner neuen Heidelberger Viebjchaften, denen er allerdings weniger zahlreiche Dichtungen ge— weiht hat. Koch in einem anderen Gedichte an Venator erwähnt Opig jeiner Görliger Geliebten, auch diejes jei hier mitgeteilt (Epigrammatum liber, .p. 113).

1) Darauf bezieht fih die befannte Stelle in der Poeterei, daß er fein Gedichte „zum theil vor etlichen Jahren felber“ zujammengelefen.

?) So bittet in einem frivolen Wortipiel Silvia (Epigrammata p. 119): Ne gravis esto (Helios); levis nam fuit ille (Opit) mihi.

>) Auf die Verſe: „Hat auch ein folches Recht Juſtinian gelehret? Habt ihr's mit mir vorhin zu Heydelberg gehöret“ (Auff Herrn E. Langens Hochzeit) verwies jchon Hoffmann; fich auc oben S. 68.

80 M. Rubenfohn, Der junge Opiß.

In poemata Venatoris.

Quid facis? aut quibus absolvis tua tempora rebus, Lingelsheimiacas inter, amice, dapes,

Dum patrias tantum iam conspicis eminus oras Nec tibi quo vellem viuere more licet?

5 Ut video, versus e chartis colligis illos,

Quos ipsae vatum te docuere deae.

Sic me Phoebus amet, nil nobis gratius unquam Ex libris misit Lipsia pulchra suis.

10 Forsitan hic etiam nostri tibi mentio facta est, Si vetus in memori pectore viuit amor. Forsitan Asteries alio nunc igne calentis

Dulce prius quaedam pagina nomen habet.

Auf die Zeit diejes Gedichtes erlaubt wohl einen Schluß der Brief, den Opitzens Freund Ehr. Köler aus Straßburg, wo damals auch Benator bei Yingelsheim eine Zufluchtsjtätte gefunden hatte, am 8. Auguft 1626 an den jchlefischen Dichter jandte (asfi ©. 10)

2.2.2... Peto a te iam summopere, ut Berneggerianis respon- deas et poemata mea si tanti aestimas euphemia aliqua exornes. Zincegrefius, Venator, Creutzius et alii sua poemata meis reli- quarii loco adiungent, aljo eine Nachahmung dev Opig-Zinfgrefjchen Sammlung von 1624. Yeider ijt aus dem Plane nichts geworden (Euphorion 1,305). Mit 3. 9 iſt wohl ein Meßkatalog gemeint, vgl. Zeitſchrift für deutjche Philologie 21, 26 (20. November 1626): De poematis tuis (Kölers) catalogus Francofurtensis indi- cauit. So viel aber zeigt die poetijche Epiftel, daß Opiß an Ajterie noch um 16264) denft umd nicht ohne Betrübnis ihrer Untreue Erwähnung thut.

och zwei Stellen feien evwahnt, um das Bild von dem Görliger Verhältnis zu vervollftändigen. Als Caspar Kirchner nach feiner Rück— fehr, im Jahre 1618, fich verlobte und die Freunde aufforderte, ihm Gratulationsgedichte zu ſeiner Bermählung?) zufommen zu lafjjen, entjprach Opitz der Aufforderung durch zwei Gedichte (Silvae ©. 63 ff.),

') Sollte meine Anfegung nicht richtig fein, jo fünnte Doch wohl nur das Jahr 1625 in Betracht fommen.

2) Opiß jagt allerdings im feinem biographiichen Briefe, die Heirat habe 1615 jtattgefunden. Aber der Schluß des deutjchen Hochzeitsgedichtes: „Bnd warn das ftreiten nicht in Böhmen gröffer were“ ift notwendig auf das Jahr 1619 zu beziehen. Defterley bat hier, wie leider noch öfters, die falſche Jahreszahl eingejegt. Sieh Witfowsti, Kentralblatt für Bibliothefswejen 5, 531.

M. Rubenfohn, Der junge Opitz. si

während ein drittes (S. 51) jchon vorher dem Brautigam überjandt war. Die Hendefajyllaben (©. 63, ſieh oben ©. 65) erwähnen der Geliebten nur verjtecft; wenn Kirchner gar jchon an das Heiraten denfe, jo dürfe er jich auch nicht wundern, quod iam posito gravi Maronis Summi pondere castiore gressu Gyros contraho carmen in minores. Die 54 Herameter (©. 64) gedenfen ihrer am Schluß:

At mihi si, quamvis ab avo descendimus uno, Praesenti non esse licet vultusque meorum Asterienque meam cogor vitare, benignus Fatorum concedat amor, reduci alite laeto Ut vestros detur tamen olim cernere natos.

Nuptiarum promulsio nennt daher Opitz jeine beiden Carmina, er jchrieb fie längere Zeit vor der Hochzeit, die am 18. März 1619 jtattfand.!) Sturz darauf brach er jchon nach Heidelberg auf. Kirchner wollte ihn zurückhalten, aber der junge Dichter brennt vor Verlangen, Neues zu lernen, nicht Hinter den anderen zurüczuftehen und Ruhm zu euwerben (Silvae, p. 66. Ad eundem. Peregre abeuntis).

Quare valete prospere; et tu civitas?) Met impleratrix atque Seiren pectoris, Et si quid uspiam tui placuit, vale.

Daß er feiner Sirene die Treue nicht gehalten, wiljen wir; ex beruhigt jich mit den Worten, die ihm nachher noch von manchen Dichtern nachgebetet wurden („An eine Jungfraw“, bei Zinfgref ©. 48 „Elegie an jeine newe Liebe“):

Verzeihe mir, Aſterie mein Leben,

Weil ich jeßundt jo jehr weit von dir bin, Daß ich mich hab in ander Holdt ergeben,

Vnd frembde Gunft mir fommen in den Sinn. ‚sch habe dich in jhren Augen (Delias) Funden

Und lang genug ijt die Yeporellolifte, vielleicht nicht einmal vollftändig, in dem Gedichte „An Nüßlern“ (1624):

) Dazu jtimmt das Epigramm Ad Mich. Bartschium (7. Mai 1622 in Bunzlau gejchrieben): Nonne hoc (Veneris opus) eum noster quondam Kirchnerus agebat, Ibam ad nune moesti littora foeta Nieri? (Silvae, p. 101).

*) Görlitz. Das Gedicht iſt in Bunzlau verfaßt. Ebenjo die anderen, vergleiche Silvae, p. 63: es will heuer nicht Frühling werden, „paternum Sero constiterit gelu fluentum (Bober).

Euphorion II. 6

89 M. Rubenſohn, Der junge Opitz.

Mir auch Gefiel Aſterie; vnd als ich dieſe ließ, Durch Reiſen, welches mich von jhrer Seiten rieß, Kam meine Sylvia, die ſchon liegt in der Erden, .dann die. lange Vandala und nach der Heimkehr aus Weißenburg Flavia.

Köler folgte den Spuren des Meiſters im Lieben und Dichten; er wußte, daß es keine Schemen waren, die jener geliebt, fragte deshalb gelegentlich einmal (Ende 1626) nach ihrem Schickſal. Opitz antwortete am 13. Februar 1627 von Breslau (Zeitſchrift für deutſche Philologie 21,27) ... ash Hlamzi-derigquasinmsanugissimeisıitet sunf’ ama- toriae delitiae, caue credas esse nobilissimi apud nos uiri filiam. Jamdiu apud plures est Galatea siue Siluia siue quod aliud nomen puellae inferioris fortunae dedi. Aſterie war jomit nicht inferioris fortunae, aber andererjeits auch nicht eines jehr vornehmen Görlitzers) Tochter.

Sollte es nicht möglich fein, noch etwas weiter zu fommen umd jo, was der Dichter vor jenem Fremde verheimlichte, den profanen Bliefen einer jpäten Nachwelt zu enthüllen, jo glücklicher zu jein, als es in einem viel Nehnlichfeit bietenden Falle Dtto Taubert war, als er den völlig mißlungenen Berjuch machte, das „Nojina-Bhantom“ des Paul Schede (Melissus) zu beleben?!) Inter den Schönen der Stadt Gorlig auf eime zu fahnden, die im Winter 1617/18 vierzehn ‚jahre zählte,?) möchte als ein thörichtes Unterfangen erjcheinen, das, jelbjt wenn es erfolgreich wäre, keinerlei Nußen brächte.

Wie aber, wenn unter den Töchtern des ehrbaren Neftors Elias Cüchler, mit dem Opiß unter einem Dache wohnte, eine ich befunden hätte, auf die jene Angabe paßt? Das gäbe doch zu denken. Das iſt nun aber in der Ihat der Fall. Kin günftiger Zufall Hat es gefügt, daß wir über die Familienverhältniſſe des Görlitzer Rektors genauer informiert jind (ande, Einige hiftorijch - genealogijch- kritische Zufäße und Berichtigungen zu Nnauths Gymnasium Augustanum. 11.

!) Torganer Programm 1864, dagegen in eimem vortrefflichen Aufſatz E. Höpfner, Zeitfcehrift für das Gymnaſialweſen 19, 337. Meliſſus ſelbſt hat das Forſchen nach feiner Geliebten als vergeblich bezeichnet: Nulla est, Carole, nulla: fieta plane est. Obwohl er fie ſchon per bis terna fere lustra liebt, nennt ev fie doch nee visam nec posthac forte videndam. Nur im Heiligtume feiner Minerva lebe fie. ; 2) Das hübjche Geficht, das lange Haar, der milchweiße Teint, die Roſen— wangen und die Purpurlippen, die B. Venator jonjt noch hervorhebt, ergänzen das Bild Ajteries in gar zu unbejtimmten Zügen. Der Dichter jelbjt weiß von dem Wunderwerf ihrer Augen nicht genug Rühmens zu machen.

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Neues Selen: Magazin 41. ande benußt cin ihm gehöriges genealogifches Manuffript des 17. Jahrhunderts): „Küchler heiratete 1596 4. November Hans Nörners oder Kerners, Chirurgi in Hirſch— berg, Tochter, die 1634 29. November jtard. Ein Sohn Clias Cüchler, geboren 1597,!) jtarb 1622 als Studiofus. Kine Tochter Elifabeth, geboren 1599, heiratete 1620 den Subdiaconus Gregorius Richter in Görlitz““ und ward 1633 Witwe, . . . gejtorben 1639. Eine Tochter Roſina, geboren 1603, heiratete 1623 den Paſtor Paul Schubarth in Nothenburg und wurde 1651 Witwe, verheiratete ſich aber 1632 mit dem Görliger Amtsjefretär Alberti, fie jtarb 1637 in puerperio. Cüchlers Sohn Georg, geboren 1608, jtarb 1645 als Stadtrichter aet. 37 Jahr.“ Die 1605 geborene Nofina war aljo, als Opitz in Görlitz weilte, in der That vierzehn Jahre alt, und die argwöhniſche Mutter, die Ajterie in ihrer Einfalt nach dem Inhalt der Yiebesgedichte (tua carmina 3. 29) fragt und, da fie den Berfafjer nicht verrät, zum Zorne veizt, wäre jo auch urkundlich für jene Zeit evwiejen. Aber freilich was jpricht denn für